WEBVTT

1
00:00:00.067 --> 00:00:05.266
MA: Ok. Dann fragen Sie sie, wo sie herkommt, wie ihr Schicksal sozusagen war.

2
00:00:05.267 --> 00:00:08.599
Wie sie nach Auschwitz gekommen ist. Sie war auch in Auschwitz.

3
00:00:08.600 --> 00:00:14.632
Dass sie dann nicht zu viel von Auschwitz erzählt, dann kann sie, wie sie dann nach Flossenbürg später gekommen ist.

4
00:00:14.633 --> 00:00:20.099
IV: Galina Alexandrovna, könnten Sie uns erzählen, wie Sie ins Konzentrationslager geraten sind?

5
00:00:20.100 --> 00:00:20.899
GK: Nach Auschwitz?

6
00:00:20.900 --> 00:00:24.532
IV: Ja. Und wie Sie danach hierher nach Flossenbürg gekommen sind. 

7
00:00:24.533 --> 00:00:26.666
Also, diese Geschichte.

8
00:00:26.667 --> 00:00:32.399
GK: Meine ganze Familie ist am 14.Januar 1944 verhaftet worden.

9
00:00:32.400 --> 00:00:37.966
Wir haben dort im Gefängnis bei uns im Bezirk gesessen. Der SD hat uns verhaftet.

10
00:00:37.967 --> 00:00:39.632
Und dann hat man uns nach Minsk gebracht.

11
00:00:39.633 --> 00:00:48.099
In Minsk waren wir zwei Monate lang und dann hat man uns im Mai nach Auschwitz geschickt.

12
00:00:48.100 --> 00:00:51.799
Den Vater und uns zwei. Die ganze Familie ist verhaftet worden.

13
00:00:51.800 --> 00:00:54.899
Und die Mutter ist dort geblieben.

14
00:00:54.900 --> 00:01:03.332
Sie ist in Trostinez vor uns ums Leben gekommen. Ach, ich bin aufgeregt.

15
00:01:03.333 --> 00:01:10.966
Na, man hat uns nach Auschwitz etwa am 24. Mai 1945 gebracht.

16
00:01:10.967 --> 00:01:17.666
Und als wir ankamen, kam ein Transport mit Juden.

17
00:01:17.667 --> 00:01:24.666
Und man hat sie nach uns gebracht. Und man hat uns auch als Juden gezählt.

18
00:01:24.667 --> 00:01:31.166
Die Juden hat man damals sofort ins Krematorium geschickt, immer jeweils fünfzig Personen.

19
00:01:31.167 --> 00:01:35.732
Egal ob Kinder, klein oder alt - sie sind alle sofort ins Krematorium gebracht worden.

20
00:01:35.733 --> 00:01:41.999
Und uns hat man danach auch dorthin gebracht.

21
00:01:42.000 --> 00:01:50.066
Und die Polen haben uns nur gezeigt, als wir gefragt haben: „Was für ein Lager ist das? Wie wird man hier behandelt?“

22
00:01:50.067 --> 00:01:54.432
Sie haben gemeint: „Wer sich schuldig gemacht hat, dort brennt das Krematorium“.

23
00:01:54.433 --> 00:01:57.466
Aber sie haben nichts gesagt, nur den Rauch gezeigt.

24
00:01:57.467 --> 00:02:01.966
Na und niemand hat verstanden, was damit gemeint ist.

25
00:02:01.967 --> 00:02:07.499
Dann hat man uns ausgezogen. Alle wurden ausgezogen.

26
00:02:07.500 --> 00:02:15.099
Und alle sind kahl geschoren worden, auch die kleinen Kinder und alle.

27
00:02:15.100 --> 00:02:18.632
Und dann kommt ein Deutscher. Irgendein Chef.

28
00:02:18.633 --> 00:02:25.532
Und sagt: „Warum sind hier Russen? Hört auf sie misshandeln!

29
00:02:25.533 --> 00:02:31.299
Bringt sie jetzt alle sofort ins Bad!“ Na wir haben gedacht, dass sie uns wirklich ins Bad bringen.  

30
00:02:31.300 --> 00:02:37.466
Aber sie haben uns in den Saal gebracht, wo es das Gas gab.

31
00:02:37.467 --> 00:02:45.166
Und sie haben das kalte Wasser aufgemacht, alle haben geschrien, denn es war so kalt.

32
00:02:45.167 --> 00:02:53.266
Der Tag war damals sehr kalt. Und man hat uns in diesen Saal getrieben.

33
00:02:53.267 --> 00:02:57.966
Und es wurde gesagt: “Jetzt kommt das Wasser.“ Und sie haben das kalte Wasser gegeben.

34
00:02:57.967 --> 00:03:03.132
Sie haben sofort dieses Wasser ausgemacht und uns aus dem Saal getrieben.

35
00:03:03.133 --> 00:03:12.666
Man hat uns kleine und große Kleidung gegeben, aller Art Kleidung, ausgehöhlte Holzschuhe und ins Lager getrieben.

36
00:03:12.667 --> 00:03:17.066
Der Tag im Lager war so frostig.

37
00:03:17.067 --> 00:03:20.666
Man hat uns aufgenommen und dort hat es wirklich ein Bad gegeben.

38
00:03:20.667 --> 00:03:27.232
Man hat uns alle desinfiziert, die Nummern tätowiert und ins Lager getrieben.

39
00:03:27.233 --> 00:03:35.332
Und erst am nächsten Tag haben wir erfahren, dass man den Minsker Transport verbrennen wollte.

40
00:03:35.333 --> 00:03:39.499
Na dann sind wir zur Arbeit gegangen, man hat uns geführt.

41
00:03:39.500 --> 00:03:51.999
Wir haben Sümpfe trocken gelegt. Wir haben in kleine Gruben solche kurzen Rohre verlegt. 

42
00:03:52.000 --> 00:03:55.966
Die Kommandos waren groß, etwa 200 Menschen und überall Hunde.

43
00:03:55.967 --> 00:04:00.066
Und so hat man uns getrieben, das eine Kommando nach dem anderen.

44
00:04:00.067 --> 00:04:08.199
Na es hat auch Männer gegeben in den separaten Lagern. Und wir waren lauter Frauen im Lager.

45
00:04:08.200 --> 00:04:13.466
Es hat ein Zigeunerlager und Männerlager gegeben.

46
00:04:13.467 --> 00:04:16.732
Wir wussten nicht, wer. Und der Vater war mit uns. 

47
00:04:16.733 --> 00:04:24.399
Aber er war im Männerlager. Wir haben uns nur dann gesehen, als wir angekommen und zum Krematorium gebracht worden sind, danach sind wir getrennt worden.

48
00:04:24.400 --> 00:04:32.566
Und bis heute wissen wir nichts über ihn. Er hat uns einen Zettel geschickt, dass man ihn in ein anderes Lager bringt.

49
00:04:32.567 --> 00:04:39.266
Und wir haben mit der älteren Schwester zusammen das Brot gesammelt, um es dem Vater zu geben.

50
00:04:39.267 --> 00:04:47.699
Einige kriegsgefangene Amerikaner haben überall im Lager gearbeitet, so dass sie etwas übergeben konnten. 

51
00:04:47.700 --> 00:04:54.966
Er hat es ihm übergeben und er hat gesagt, dass das der letzte Brief ist. Wir müssen nicht mehr auf Nachrichten warten.

52
00:04:54.967 --> 00:05:02.999
Bis heute wissen wir nichts. Die amtliche Personensuche war vergebens. Wir kennen die Nummer, die er uns genannt hatte, er hatte die 182.000. 

53
00:05:03.000 --> 00:05:08.232
Und wie die weitere Nummer war, das haben wir im Laufe der Jahre vergessen, wissen Sie.

54
00:05:08.233 --> 00:05:15.766
Und kein Erfolg also. Und wir waren dort sechs Monate. 

55
00:05:15.767 --> 00:05:20.066
Und am 8. Oktober hat man uns nach Mittweida geschickt.

56
00:05:20.067 --> 00:05:27.199
Der Chef aus Mittweida ist gekommen, er hat die Leute für die Arbeit ausgewählt. 

57
00:05:27.200 --> 00:05:31.999
Na, man hat 500 Frauen ausgewählt. Und ich war dabei mit meiner Schwester.

58
00:05:32.000 --> 00:05:39.066
Ich war zuvor in Minsk typhuskrank, ich war sehr mager und kahl geschoren.

59
00:05:39.067 --> 00:05:44.666
Also hat er mich nicht genommen. Wie kann man solch eine für die Arbeit im Betrieb wählen. 

60
00:05:44.667 --> 00:05:49.766
Aber die Schwester hat gebeten: „Herr, nehmen Sie meine Schwester!“

61
00:05:49.767 --> 00:05:57.666
Und er hat mich genommen. So war ich mit der Schwester zusammen. Und so hat man uns schon nach Mittweida gebracht.

62
00:05:57.667 --> 00:06:02.766
Wir haben auch gedacht, als man uns von Auschwitz wegbrachte, wir haben gedacht, dass wir ins Krematorium gehen.

63
00:06:02.767 --> 00:06:12.599
Denn man hat die „Blocksperre“ gemacht. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet. Und wir sind in die Wagen geladen worden. 

64
00:06:12.600 --> 00:06:21.099
Man hat uns in die Autos und dann in die Wagen geladen. Und genauso hat man die Menschen auch ins Krematorium transportiert, wenn der Ofen dort frei war.

65
00:06:21.100 --> 00:06:26.932
Sie haben die "Sperre" gemacht und die Leute gezwungen sich zu sammeln.

66
00:06:26.933 --> 00:06:35.066
Wer es nicht schaffte, kam in einen speziellen Block, von wo er ins Krematorium ging. 

67
00:06:35.067 --> 00:06:39.266
Ach, ich habe schon vergessen, was ich sagen muss.

68
00:06:39.267 --> 00:06:43.999
IV: Na, erzählen Sie, wie die Zeit in Mittweida verlaufen ist.

69
00:06:44.000 --> 00:06:52.599
GK: Na hier war es natürlich ein bisschen leichter. Man hat zwölf Stunden gearbeitet, von sechs bis sechs.

70
00:06:52.600 --> 00:06:57.666
Das Lager war nicht weit vom Betrieb, gar nicht weit.

71
00:06:57.667 --> 00:07:03.366
Es war mit Draht umzäunt. Und man hat gestanden. Ich habe vergessen, wie viele Frauen. Nur 500 Frauen waren dort.

72
00:07:03.367 --> 00:07:05.999
So wie man 500 gebracht hat, so hat es 500 gegeben.

73
00:07:06.000 --> 00:07:10.999
Dort hat es niemanden gegeben, als wir angekommen sind. Na und wir haben von sechs bis sechs gearbeitet.

74
00:07:11.000 --> 00:07:24.666
Die Nacht in der Werkhalle. Man hat uns schlecht ernährt, sehr schlecht. Man hat Kartoffeln für die Posten geschält und für uns waren dann die Schälabfälle. 

75
00:07:24.667 --> 00:07:28.999
Und man kommt von der Arbeit und läuft dann zu den Mülltonnen.

76
00:07:29.000 --> 00:07:34.999
Um ein Kohlblatt zu finden oder noch was, irgendwelche Abfälle. 

77
00:07:35.000 --> 00:07:38.666
Man hat uns zweimal am Tag verpflegt. Morgens und abends.

78
00:07:38.667 --> 00:07:40.966
IV: Und welche Arbeit haben Sie gemacht?

79
00:07:40.967 --> 00:07:48.399
GK: In unserer Werkhalle war die Temperatur hoch. Aber in der Nähe war die Werkhalle mit kalter Temperatur, dort haben die Zivilleute gearbeitet.  

80
00:07:48.400 --> 00:07:53.666
Wir durften nicht zu ihnen und sie nicht zu uns. Wenn schon, dann mit den Hunden.

81
00:07:53.667 --> 00:07:59.232
Den ganzen Arbeitstag hat man uns mit den Hunden bewacht. 

82
00:07:59.233 --> 00:08:06.666
Wir durften keinen Schritt weg. Dort waren wir auch fast sechs Monate.

83
00:08:06.667 --> 00:08:15.766
Was die Aufseherin schreit, das muss man tun. Wohin dann die Ersatzteile gegangen sind, wissen wir nicht.

84
00:08:15.767 --> 00:08:24.366
Ich arbeitete zum Beispiel an der kleinen Werkzeugmaschine, ich habe etwas aus Plastik für die Flugzeuge oder so gemacht. 

85
00:08:24.367 --> 00:08:27.599
Wir haben es nicht gewusst. Niemand hat uns etwas erklärt. 

86
00:08:27.600 --> 00:08:34.666
Und meine Schwester hat an einer sehr großen Werkzeugmaschine gearbeitet, na. 

87
00:08:34.667 --> 00:08:41.632
Und dann hat man schon angefangen zu bombardieren. Die Amerikaner sind näher gekommen. 

88
00:08:41.633 --> 00:08:49.432
Man hat uns am 8. April evakuiert. 

89
00:08:49.433 --> 00:08:54.699
Ganz früh am Morgen. Der Tag fängt doch früh an.

90
00:08:54.700 --> 00:09:02.666
Man hat uns alle hinausgetrieben und getrieben. Nur eine Frau aus Warschau ist geblieben, sie ist erschossen worden. 

91
00:09:02.667 --> 00:09:12.066
Man hat gesagt, wer kann, muss gehen. Und wer nicht kann, der bleibt.

92
00:09:12.067 --> 00:09:16.866
Und wir sind nicht weit gegangen, als sie gleich erschossen wurde.

93
00:09:16.867 --> 00:09:22.599
Denn wir haben es gehört. Und dann hat man uns Tag und Nacht getrieben, Tag und Nacht.

94
00:09:22.600 --> 00:09:28.932
Danach haben wir in einer Scheune übernachtet. Und es war staubig, schmutzig und wir waren hungrig. 

95
00:09:28.933 --> 00:09:36.532
Und man hat uns zur Station getrieben. An der Station sind wir in Waggons geladen worden, in denen man Kohl transportiert.

96
00:09:36.533 --> 00:09:40.999
Beheizte Güterwagen heißen die.

97
00:09:41.000 --> 00:09:45.999
Und man hat uns den ganzen Monat durch Deutschland gefahren. Man bringt uns zu einem Bahnhof.

98
00:09:46.000 --> 00:09:51.432
Wir erfahren, dass dieser Bahnhof, wo wir waren, schon von den Amerikanern besetzt worden war.

99
00:09:51.433 --> 00:09:58.332
Wir fahren wieder weiter. Wieder. Die Flugzeuge haben bombardiert, sehr stark bombardiert.

100
00:09:58.333 --> 00:10:06.266
Niemand von uns hat besonders gelitten, nur zwei Mädchen sind erschossen worden.

101
00:10:06.267 --> 00:10:11.632
Beim Bombenangriff sind sie losgelaufen, um beim Bauern etwas Brot zu klauen.

102
00:10:11.633 --> 00:10:16.099
Brot haben sie nicht gefunden und haben Kartoffeln geklaut. 

103
00:10:16.100 --> 00:10:26.166
Und man hat uns alle nach dem Bombenangriff gesammelt. Die Bauern sind gekommen und sie haben sie erkannt.

104
00:10:26.167 --> 00:10:30.666
Und man hat sie sofort an Ort und Stelle vor allen erschossen. 

105
00:10:30.667 --> 00:10:39.732
Und man hat uns weiter bis in die Tschechoslowakei gefahren und gefahren. 

106
00:10:39.733 --> 00:10:43.599
In der Tschechoslowakei haben uns schon die Tschechen geholfen. 

107
00:10:43.600 --> 00:10:51.066
Sie haben in die Wagen Brot geworfen. Die, die zur Arbeit mit diesen Regionalzügen gefahren sind.

108
00:10:51.067 --> 00:10:55.099
Wer was mit dabei hatte, Mittagessen oder was, hat uns das in den Wagen geworfen. 

109
00:10:55.100 --> 00:11:01.966
Sie haben schon gewusst, was kommt. Zu uns ist noch ein sehr großer Transport mit Männern hinzugefügt worden

110
00:11:01.967 --> 00:11:10.499
Und als sie in Prag angekommen sind, sind einige weggelaufen. Von 500 sind wir nur noch 375 Leute geblieben.

111
00:11:10.500 --> 00:11:17.432
Die Deutschen haben uns gesammelt. Die SS ist gekommen, hat uns umringt und die Anderen eingefangen.

112
00:11:17.433 --> 00:11:22.999
Und wohin sollte man gehen? Wir jungen Dinger. Woher sollen wir wissen, wo wir sind? 

113
00:11:23.000 --> 00:11:29.166
Ein Stück weg vom eigenen Dorf und wir kennen kein anderes. 

114
00:11:29.167 --> 00:11:36.166
Und man hat uns umringt und weitergefahren. 

115
00:11:36.167 --> 00:11:39.666
Schon zur Frontlinie ganz nah. 

116
00:11:39.667 --> 00:11:43.332
Na und man hat die Männer zum Erschießen geführt. 

117
00:11:43.333 --> 00:11:51.832
Man kommt und nimmt 25 Menschen, um Kartoffeln zu bringen, da die Bauern waren schon evakuiert.

118
00:11:51.833 --> 00:11:59.599
Die Mieten stehen und man muss die Kartoffeln ernten. 

119
00:11:59.600 --> 00:12:03.532
Man führt sie und kehrt allein ohne sie zurück.

120
00:12:03.533 --> 00:12:06.666
Sie kommen nicht wieder diese Männer. 

121
00:12:06.667 --> 00:12:09.332
So hat man sie fast alle erschossen. 

122
00:12:09.333 --> 00:12:16.099
Und am 7. April sind wir angekommen. Nein, das war doch schon im Mai.

123
00:12:16.100 --> 00:12:21.866
Anfang Mai sind wir ganz nah zur Grenze gekommen. Ich weiß nicht. 

124
00:12:21.867 --> 00:12:30.499
Dort waren die Amerikaner drei Kilometer entfernt. Weiter sind sie nicht gegangen. Und von der anderen Seite hat man die Russen erwartet. 

125
00:12:30.500 --> 00:12:39.166
Und als die angekommen sind, haben sie die Soldaten gesehen. 

126
00:12:39.167 --> 00:12:44.532
„Na ihr Juden, wohin fahrt ihr?“ Und wir meinen: „Ihr seid selbst Juden.“

127
00:12:44.533 --> 00:12:50.699
"Und warum seid ihr Russen hier? Vor drei Tagen ist ein Transport mit Juden bombardiert worden.

128
00:12:50.700 --> 00:12:54.366
Ihr sollt auch bombardiert werden, aber wir lassen das nicht zu. "

129
00:12:54.367 --> 00:12:58.999
Wir denken, ach wo! Drei Burschen lassen das nicht zu.

130
00:12:59.000 --> 00:13:05.999
Und sie sind ins Dorf gefahren und dann ist aus dem Dorf ein Auto gekommen.

131
00:13:06.000 --> 00:13:11.999
Dann steigt der Vorgesetzte aus und ein Flugzeug kreist umher.

132
00:13:12.000 --> 00:13:20.232
Wir denken, dass er jetzt anfängt zu bombardieren.

133
00:13:20.233 --> 00:13:23.499
Das Flugzeug hat einen Kreis gemacht und ist weggeflogen.

134
00:13:23.500 --> 00:13:27.832
Und dieser Vorgesetzte steigt aus und sagt: „Öffnet die Wagen, Jungs!“

135
00:13:27.833 --> 00:13:36.299
Und wir wundern uns - ein deutscher Chef mit einem Hut und er spricht russisch. 

136
00:13:36.300 --> 00:13:39.832
Und man hat die Waggons geöffnet und wir sind weggelaufen.

137
00:13:39.833 --> 00:13:42.732
Und wohin soll man im fremden Land laufen? 

138
00:13:42.733 --> 00:13:51.999
Aber wir laufen und wissen nicht, wohin. Wir sind in den Wald gelaufen. Aber wohin weiter, es wird dunkel.

139
00:13:52.000 --> 00:14:00.666
Und da sagt meine ältere Schwester: „Ihr bleibt hier sitzen und ich gehe zum Weg, wo es Leute gibt.“

140
00:14:00.667 --> 00:14:07.566
Sie ist gegangen, kehrt dann zurück und sie sagen: “Wer seid ihr?” Sie haben doch unsere Lagerkleidung mit den Buchstaben „KL“ gesehen. 

141
00:14:07.567 --> 00:14:13.232
„K“ und „L“ ist in Kreuzform rot darauf geschrieben. Und hinten hat es einen Streifen gegeben.

142
00:14:13.233 --> 00:14:17.999
So haben sie sofort das Lager erkannt, sie haben selbst gesessen.

143
00:14:18.000 --> 00:14:23.732
Dort waren Tschechen. Und einer sagt: „Also, die Amerikaner sind gekommen.

144
00:14:23.733 --> 00:14:27.332
Und wir schauen, ob sie weiter hierher kommen oder nicht.

145
00:14:27.333 --> 00:14:31.632
Und von der anderen Seite werden die Russen erwartet.

146
00:14:31.633 --> 00:14:39.666
Kommt zu uns ins Dorf, wir haben uns schon versammelt." - hat er gemeint…

147
00:14:39.667 --> 00:14:46.332
Dort haben wir schon alles organisiert, um die Russen zu treffen. Na, wir sind dort zwei Tage geblieben. 

148
00:14:46.333 --> 00:14:50.332
Der Empfang war wirklich sehr gut. 

149
00:14:50.333 --> 00:14:59.999
Und wir sind weitergefahren, man hat uns ins Dorf gefahren. 

150
00:15:00.000 --> 00:15:03.999
Man hat uns gesagt: „Wartet jetzt auf die Russen.“

151
00:15:04.000 --> 00:15:11.632
Die Russen sind schon vielleicht vor dem Siegestag angekommen, das war damals der Geheimdienst. 

152
00:15:11.633 --> 00:15:20.666
Alle unsere Leute sind gekommen und haben gesagt: „Fahrt nach Hause“. So mussten wir 20 Kilometer bis zur Stadt Budweis. 

153
00:15:20.667 --> 00:15:25.999
Dahin sind wir zu Fuß gegangen. Dahin sind wir zu Fuß angekommen. 

154
00:15:26.000 --> 00:15:36.299
Und dort haben sich schon unsere Leute versammelt. Während dieser Reise habe ich heute 

155
00:15:36.300 --> 00:15:43.066
zwei Menschen von diesem Transport gesehen. 

156
00:15:43.067 --> 00:15:50.232
Er sagt, wir sind angekommen und gefahren. Unsere Militärleute haben uns ins Auto gesetzt

157
00:15:50.233 --> 00:15:54.199
und wir sind weitergefahren. Er sagt: „Wir fahren euch bis Odessa."

158
00:15:54.200 --> 00:15:57.966
Nur in Bratislava haben uns die Posten gestoppt. 

159
00:15:57.967 --> 00:16:01.466
Nur durch den Übersiedlungspunkt durften wir weiter. 

160
00:16:01.467 --> 00:16:05.099
Wir waren ein Monat lang in diesem Übersiedlungspunkt. 

161
00:16:05.100 --> 00:16:09.999
Und wir sind mit dem ersten Transport heimgekehrt. So war das.

162
00:16:10.000 --> 00:16:12.399
IV: Und wie viel Zeit waren Sie hier?

163
00:16:12.400 --> 00:16:13.599
GK: In Mittweida?

164
00:16:13.600 --> 00:16:14.266
IV: Ja.

165
00:16:14.267 --> 00:16:17.499
GK: Na, im Oktober, am 8. Oktober hat man uns hierhergebracht.

166
00:16:17.500 --> 00:16:23.499
Und am 8. April sind wir weggefahren. Das sind dann eben sechs Monate.

167
00:16:23.500 --> 00:16:24.999
IV: Und haben Sie hier in den Betriebshallen gearbeitet?

168
00:16:25.000 --> 00:16:30.699
GK: Ja, wir haben in den Betriebshallen in der Nacht gearbeitet. Von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens.  

169
00:16:30.700 --> 00:16:36.999
Und von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Und die Ernährung war.., Gott bewahre! 

170
00:16:37.000 --> 00:16:42.999
Na wir haben gelebt und ich habe ans Leben gedacht. 

171
00:16:43.000 --> 00:16:49.532
„Ich wünsche mir nur mal klares Wasser zu trinken und frische Luft zu atmen, sonst nichts mehr.“

172
00:16:49.533 --> 00:16:55.166
Man geht in der Nacht raus und die Krematorien brennen. Sie konnten schon nicht mehr alle in den Krematorien verbrennen.

173
00:16:55.167 --> 00:17:02.366
Sie haben sie in Lagerfeuern verbrannt. Von den Hunden werden die Leute getrieben, die Hunden bellen, die Kinder schreien, die Leute schreien. 

174
00:17:02.367 --> 00:17:07.366
Sie haben in der Nacht verbrannt, nicht am Tag. In diesen Gräben.

175
00:17:07.367 --> 00:17:15.399
Also ich meine: Das Kind kennt wirklich die Hölle auf dieser Welt. 

176
00:17:15.400 --> 00:17:19.732
Vom Jenseits weiß man nicht, aber in dieser Welt gibt es wirklich die Hölle, 

177
00:17:19.733 --> 00:17:24.166
die man mit eigenen Augen sieht.

178
00:17:24.167 --> 00:17:31.499
Und das Wasser hat die Nacht gestanden und war so rostig.

179
00:17:31.500 --> 00:17:38.099
Wenn man es durstig trinkt, leidet man am nächsten Tag an Durchfall.

180
00:17:38.100 --> 00:17:52.699
Schluss. Das bedeutet, dass man nichts tun kann. Die Schwester hat mir gebratenes Brot gegeben, sie hat es selbst nicht gegessen und mich so gerettet.  

181
00:17:52.700 --> 00:17:55.499
So war das. Solch ein Leben.

182
00:17:55.500 --> 00:17:57.532
IV: Und hier war es schon anders.

183
00:17:57.533 --> 00:18:05.766
GK: Hier haben wir nur gearbeitet. Die Ernährung war schlecht, na und man hat gearbeitet.

184
00:18:05.767 --> 00:18:11.732
Wenn man etwas verschuldet hat, wird man auf den Appell am freien Tag gestellt. 

185
00:18:11.733 --> 00:18:18.666
Und es ist Winter, es ist kalt. Leicht angezogen steht man in den ausgehöhlten Holzschuhen mit Lappen umwickelt. 

186
00:18:18.667 --> 00:18:24.332
Falls jemand aufstampft, wird dann noch eine Stunde oder eine halbe Stunde dazugegeben.

187
00:18:24.333 --> 00:18:30.999
Und so verbringt man den ganzen Tag im Frost stehend. 

188
00:18:31.000 --> 00:18:34.966
Gott behüte von solchen Erinnerungen! Gott behüte! 

189
00:18:34.967 --> 00:18:48.199
Ich will, dass unsere Kinder das nie erleben.

190
00:18:48.200 --> 00:18:52.166
Wir sind heimgekehrt und es hat nichts gegeben. Alles war leer. 

191
00:18:52.167 --> 00:19:00.999
Man musste von Anfang an anfangen. Man hat uns genommen und alles, was uns gehört hat. 

192
00:19:01.000 --> 00:19:06.832
Das Haus und alles im Haus, es hat nichts außer leeren Ecken gegeben.

193
00:19:06.833 --> 00:19:15.632
Wir sind gekommen. Und es gibt keine Eltern mehr. Wir haben immer wieder gehofft, dass doch vielleicht jemand irgendwann zurückkehrt.  

194
00:19:15.633 --> 00:19:19.266
Nein, bis heute haben wir nichts gehört.

195
00:19:19.267 --> 00:19:23.166
IV: Sagen Sie bitte, wie sind Sie behandelt worden?

196
00:19:23.167 --> 00:19:30.532
GK: Na, wenn man hier nichts verschuldet hat, wird man nicht bestraft. Aber wer bestraft wurde, das haben wir alle gesehen.

197
00:19:30.533 --> 00:19:36.366
Das Lager war mit Stacheldraht eingegrenzt. Sie hat sich etwas verschuldet. 

198
00:19:36.367 --> 00:19:42.999
Sie hat sich am hellen Tag dem Draht entgegengeworfen. 

199
00:19:43.000 --> 00:19:49.999
Man hat sie bestraft. Und man hat versucht nichts falsch zu machen. 

200
00:19:50.000 --> 00:19:51.899
IV: Und wer hat sie hier bewacht?

201
00:19:51.900 --> 00:20:01.532
GK: Die Aufseherinnen. Die Aufseherinnen mit den Hunden. Es hat sehr wenig Männer gegeben. Hauptsächlich waren das die Aufseherinnen. 

202
00:20:01.533 --> 00:20:09.666
Ganz am Anfang meiner Arbeit habe ich mit einem Obermeister gearbeitet. Er war Belgier.

203
00:20:09.667 --> 00:20:16.599
Ich erwähne ihn, weil ich mich an ihn das ganze Leben erinnere. Wahrscheinlich, wenn ich ihn sehe, würde ich hin erkennen. 

204
00:20:16.600 --> 00:20:24.332
Wenn er sein Mittagessen bekommt, bringt er das, stellt es auf den Tisch auf die Werkbank, die an meiner Werkbank steht. 

205
00:20:24.333 --> 00:20:29.432
Und er kommt und sagt: „Ich habe das Essen gebracht. Dann kannst du das zu Mittag nehmen.

206
00:20:29.433 --> 00:20:35.466
Ich habe es genommen. Aber die Älteren haben das bemerkt, dass ich es nehme, und haben es geklaut. 

207
00:20:35.467 --> 00:20:43.066
Er hat es dahin gebracht, wo die Schwester an der großen Werkbank gearbeitet hat und bei ihr hat auch ein Elektroofen gestanden. 

208
00:20:43.067 --> 00:20:52.899
So hat er es in diesen Ofen gestellt. Und zeigt, wohin ich gehen und es nehmen muss. Ein paar Male hat er es so gebracht und die Älteren haben das bemerkt. 

209
00:20:52.900 --> 00:21:06.932
Man kann ihnen das nicht verbieten. Und ich habe gesagt: „Bringen Sie nichts mehr Herr. Es ist sinnlos.“

210
00:21:06.933 --> 00:21:09.466
IV: Und haben Sie irgendwelche Kontakte zu der Zivilbevölkerung gehabt?

211
00:21:09.467 --> 00:21:21.099
GK: Nein. Wir sind dahin nicht geführt worden. Nur ein einziges Mal hat man uns nach Mittweida geführt, um eine Fluorographie zu machen. 

212
00:21:21.100 --> 00:21:26.832
Das Röntgen der Lungen. So hat man geprüft, wer an Tuberkulose krank ist. Dann weiß ich nicht, wen…

213
00:21:26.833 --> 00:21:33.266
So haben sie nur eine gefunden, die wohl eine Verdunkelung hatte. Sonst waren alle gesund. 

214
00:21:33.267 --> 00:21:45.999
Es waren Kälte und Hunger, solche Kälte und Hunger. Und als man uns weg gefahren hat, haben wir trockenes Gras gegessen. Wir konnten nichts kaufen, weil es Rationierungen gab.

215
00:21:46.000 --> 00:21:51.032
Sie kommen in die Stadt und kochen Bohnen, ein Glas Bohnen für drei Tage. 

216
00:21:51.033 --> 00:21:58.032
Und später haben sie schon keine Bohnen mehr gegeben, weil es nichts mehr gegeben hat. So haben wir das Gras eingelegt.  

217
00:21:58.033 --> 00:22:14.832
Es ist getrocknet, weil die Wagen offen waren. Und so haben wir geschlafen. Ach! 

218
00:22:14.833 --> 00:22:18.832
Die Menschen sind so weit gekommen.

219
00:22:18.833 --> 00:22:20.999
Danke. Ich habe ein Taschentuch.

220
00:22:21.000 --> 00:22:32.299
MA: (???)...wie sie das auch geschafft hat, die schrecklichen Dinge zu überleben also auch...(???)

221
00:22:32.300 --> 00:22:41.999
IV: Sagen Sie bitte. Was hat Ihnen bei diesen unmenschlichen Bedingungen Hoffnung auf das Überleben gegeben?

222
00:22:42.000 --> 00:22:47.532
GK: Ich weiß nicht. Niemand hat daran gedacht, dass wir leben werden. Nein. Niemand hat daran gedacht. 

223
00:22:47.533 --> 00:22:54.566
Als man uns aus Auschwitz weggefahren hat, haben wir gedacht, dass wir ins Krematorium fahren, weil man uns so schnell aufgeladen hat. 

224
00:22:54.567 --> 00:23:00.599
Wir fahren und schauen, in welche Richtung der Transport geht. Falls es in die Richtung des Krematoriums geht, dann ins Krematorium. 

225
00:23:00.600 --> 00:23:08.832
Und falls nicht ins Krematorium, dann noch irgendwohin weiter.

226
00:23:08.833 --> 00:23:16.032
Wir haben nicht gewusst, niemand hat an das Leben gedacht. Sterben, nur sterben.

227
00:23:16.033 --> 00:23:33.132
Als man uns ins Krematorium gebracht hat und dann aus dem Krematorium zurück, haben wir nicht gewusst, dass wir im Krematorium waren. Nur am nächsten Tag hat das ganze Lager darüber gesprochen, dass man den Minsker Transport verbrennen wollte.

228
00:23:33.133 --> 00:23:47.099
Woher sollten wir wissen, wo wir sind. Das Lager und das Lager. Man führt uns ins Bad – wir gehen ins Bad, man zieht uns aus und schert uns. Das heißt, dass es so sein muss. Wir lassen uns scheren.

229
00:23:47.100 --> 00:23:53.599
IV: Und hat es irgendwelche Gerüchte gegeben? Haben Sie irgendwelche Informationen bekommen, was an der Front passiert?

230
00:23:53.600 --> 00:24:03.966
GK: Wissen Sie, sehr wenig. Als wir in Auschwitz gearbeitet haben, hat es ein Männerlager daneben gegeben.

231
00:24:03.967 --> 00:24:12.966
Und wenn die Mannschaft kommt, hat man uns durch den Draht zugerufen „wartet“ oder so was.

232
00:24:12.967 --> 00:24:23.466
Und man hat nur sehr wenige russische Gefangenen dort gelassen, es hat nur etwa 120 Menschen gegeben.

233
00:24:23.467 --> 00:24:31.032
Sie wurden nicht zur Arbeit gelassen, weil sie unter amerikanischer Kontrolle waren. Sie haben nur in der Kantine gearbeitet.

234
00:24:31.033 --> 00:24:40.999
Welche Infos sie gegeben haben, das hat dann jemand mitbekommen, na die Älteren. Und wir waren noch Kinder. 

235
00:24:41.000 --> 00:24:46.799
Man bekommt mit, wo was wer sagt. Aber man weiß nicht, ob das wahr oder nicht wahr ist.

236
00:24:46.800 --> 00:24:48.466
IV: Und hat es von der Zivilbevölkerung etwas gegeben?

237
00:24:48.467 --> 00:24:58.532
GK: Nein. Nein. Nein. Nichts. Als man uns nach Mittweida zur ärztlichen Untersuchung geführt hat, sind wir durch die Stadt gegangen. Wir haben nirgendwo einen Menschen gesehen.

238
00:24:58.533 --> 00:25:06.332
So wie eine tote Stadt. Kei.. Vielleicht ist es ihnen nicht erlaubt worden.

239
00:25:06.333 --> 00:25:08.032
IV: Haben die Ärzte Sie untersucht?

240
00:25:08.033 --> 00:25:16.866
GK: Ja. Die Ärzte haben Spritzen gegeben und so. Denn alle waren krank. 

241
00:25:16.867 --> 00:25:23.032
Die Beine hatten Wunden. Als wir wieder zu Hause waren, konnten wir das auch nicht heilen. Es hat noch lange gedauert. 

242
00:25:23.033 --> 00:25:28.499
Überall Ausschlag. Ich brauche ein Schluck Wasser.

243
00:25:28.500 --> 00:25:44.832
IV: (???) dass sie gar keine Kotakte hatten... und erzählt sie. Geschichte in Auschwitz und so..

244
00:25:44.833 --> 00:25:54.966
MA: Vielleicht... wie ist sie von Mittweida, (???) wie weit war gekommen? Wie war dann die Befreiung? Also ein bisschen den Abschluss der Geschichte...

245
00:25:54.967 --> 00:26:00.766
IV: Könnten Sie von der letzten Zeit hier in Mittweida erzählen?

246
00:26:00.767 --> 00:26:04.599
Wie war die Befreiung? Also diese letzten Tage. 

247
00:26:04.600 --> 00:26:14.699
GK: Na. Wissen Sie. Es wurde bombardiert. Wir arbeiten und dann fängt die Bombardierung an. Alle laufen in die Keller. Aber uns hat man nicht geführt. 

248
00:26:14.700 --> 00:26:19.566
Und wir warten schon auf die Bomben, ob sie treffen oder nicht.

249
00:26:19.567 --> 00:26:28.132
Die Älteren sind in die Toiletten gelaufen und haben durch die Fenster geschaut. Was sie dort gesehen haben, wer weiß. 

250
00:26:28.133 --> 00:26:36.299
Die Ernährung war gleich. Und die Arbeit auch. Man hat uns bis zur Evakuierung nicht frei gelassen.

251
00:26:36.300 --> 00:26:48.099
Man hat uns einfach am Morgen früh geweckt. Als es hell wurde, sind wir losgetrieben worden. 

252
00:26:48.100 --> 00:26:49.966
IV: Womit sind Sie gefahren?

253
00:26:49.967 --> 00:26:57.766
GK: Mit dem Zug. So hat man uns zu Fuß getrieben. Zu Fuß, zu Fuß im Laufschritt, im Laufschritt, im Laufschritt mit letzter Kraft.

254
00:26:57.767 --> 00:27:07.332
Wer nicht mitkommt, wird zur Eile gedrängt. Im Laufschritt, im Laufschritt. Wer nicht gehen will, der bleibt.

255
00:27:07.333 --> 00:27:09.866
IV: Wie viele Tage waren Sie unterwegs? 

256
00:27:09.867 --> 00:27:15.966
GK: Ach, ich weiß nicht. Recht viele. Drei Tage sind wir vielleicht so zu Fuß gegangen. 

257
00:27:15.967 --> 00:27:22.632
Ich habe gesagt, wir haben nur eine Nacht in der Scheune geschlafen, sonst immer zu Fuß und in der Nacht bei Sternen auch. 

258
00:27:22.633 --> 00:27:29.699
Das Licht brennt. Und das Ende ist nah, man läuft außer Atem. 

259
00:27:29.700 --> 00:27:44.432
Sie sind doch selbst so gegangen. Aber sie sind doch alle stark und satt, nicht so… verhungert schon. 

260
00:27:44.433 --> 00:27:46.899
IV: Und wer hat Sie dann befreit?

261
00:27:46.900 --> 00:27:52.466
GK: Die Tschechen. Die Tschechen haben uns befreit. Auf dem Territorium von Tschechien sind wir befreit worden. 

262
00:27:52.467 --> 00:27:58.266
Die tschechischen Partisanen und die Wlassow-Armee sind gekommen. Die haben dort gearbeitet.

263
00:27:58.267 --> 00:28:07.999
Sie wollten vielleicht nicht mehr. Sie haben schon verstanden, dass die Russen kommen und die Amerikaner hier sind. Sie wussten nicht wohin.

264
00:28:08.000 --> 00:28:13.399
Und man hat die Wagen aufgemacht. Rettet euch, wie ihr wollt. 

265
00:28:13.400 --> 00:28:16.199
IV: Das heißt, sie haben die Züge erreicht und einfach die Waggons selber geöffnet? 

266
00:28:16.200 --> 00:28:22.832
GK: Ja, ja. Er hat gesagt: „Öffnet die Wagen! Jungs!“ Dann sind diese Partisanen aus diesem Dorf gekommen. 

267
00:28:22.833 --> 00:28:30.066
Und sie haben die Waggons aufgemacht und wir sind weggelaufen. Wir sind geflohen aber wohin?

268
00:28:30.067 --> 00:28:37.999
Wir haben doch gesehen, dass es ein fremdes Land mit fremden Leuten ist. Dazu konnte keiner von uns diese Sprache. 

269
00:28:38.000 --> 00:28:43.432
Vielleicht konnte doch jemand etwas, die Älteren waren auch dabei. 

270
00:28:43.433 --> 00:28:55.432
MA: Und wird sie... Was für ein Gefühl hat sie denn, wenn sie.. alles (???) Grauen wieder zurückkommt, was geht ihr jetzt durch den Kopf, dass sie da übermorgen sein wird?

271
00:28:55.433 --> 00:29:03.232
IV: Diese ganze Geschichte ist sehr berührend. Könnten Sie noch etwas dazu sagen? Sie fahren doch morgen nach Flossenbürg. 

272
00:29:03.233 --> 00:29:08.666
Was für ein Gefühl begleitet Sie dabei, wenn Sie dorthin hinfahren?

273
00:29:08.667 --> 00:29:21.666
GK: Ich. Ich war nicht in Flossenbürg selbst. Nur in Mittweida. Na, ich kann es mir nicht vorstellen, was es dort gibt in Mittweida. Wahrscheinlich nichts. 

274
00:29:21.667 --> 00:29:23.666
IV: Sie war nicht in Flossenbürg, sie war in Mittweida.

275
00:29:23.667 --> 00:29:25.066
MA: Sie war gar nicht hier..

276
00:29:25.067 --> 00:29:26.099
IV: Ja, sie..

277
00:29:26.100 --> 00:29:29.599
GK: Ist Mittweida weit oder nicht weit von Flossenbürg?

278
00:29:29.600 --> 00:29:32.366
IV: Wie weit ist Mittweida hier von hier?

279
00:29:32.367 --> 00:29:34.332
MA: Vielleicht 100 Kilometer oder so.

280
00:29:34.333 --> 00:29:39.299
IV: Ungefähr 100 Kilometer von hier. 

281
00:29:39.300 --> 00:29:46.466
MA: Gut. Dann will ich sagen. Bedanken wir uns noch mehr besonders dafür, dass es ihr so nah gegangen ist und freuen uns, dass sie uns das erzählt hat.

282
00:29:46.467 --> 00:29:50.766
IV: Wir sind Ihnen sehr dankbar. Danke Ihnen sehr für das Interview. 

283
00:29:50.767 --> 00:30:04.666
GK: Was damals passiert ist. Wenn sich die Kinder, die Enkelkinder mal zu Hause versammeln, fangen wir an zu reden. Ich erzähle ihnen davon. Und zu Hause kann man ruhig darüber sprechen. 

284
00:30:04.667 --> 00:30:11.366
Aber hier hat man das doch alles vor den Augen. Man sieht sowohl die Leute, als auch die Gesellschaft.

285
00:30:11.367 --> 00:30:19.032
Ich meine: Lassen wir unsere Kinder und Enkelkinder in Freundschaft leben.

286
00:30:19.033 --> 00:30:23.999
Damit sie solches Leid nicht kennen. Wir leiden jetzt alle, wir sind alle krank. 

287
00:30:24.000 --> 00:30:32.566
Meine Schwester ist im Jahr '87 gestorben. Auch Kopfschmerzen, Kopfschmerzen und Herz – und Schluss.

288
00:30:32.567 --> 00:30:37.666
Um das alles zu überleben, musste man alles überstehen. Und das Leben zu Hause war schwierig. 

289
00:30:37.667 --> 00:30:46.366
Als wir angekommen sind, gab es nichts. Man musste alles erwerben, das Leben neu aufbauen.

290
00:30:46.367 --> 00:30:56.999
Und jetzt könnte man leben, aber es kommt die Zeit zu sterben. Es ist schwer. 

291
00:30:57.000 --> 00:31:05.599
IV: Es ist schrecklich, was Sie erlebt haben.

292
00:31:05.600 --> 00:31:07.266
GK: Na, genug. Schon gut. 

293
00:31:07.267 --> 00:00:00.000
IV: Vielen Dank. 

