WEBVTT

1
00:00:03.000 --> 00:00:14.999
MA: Herr Kusnezow war ja, kommt jetzt das erste mal hierher nach 60 Jahren, nachdem er vor 60 Jahren in vielen Konzentrationslagern gewesen war.

2
00:00:15.000 --> 00:00:17.999
Mit was für einem Gefühl kommt er denn jetzt zurück?

3
00:00:18.000 --> 00:00:26.999
IV: Sie sind zum ersten Mal hier in Deutschland. Sie kamen hierher zurück nachdem Sie 60 Jahre nicht hier gewesen sind.

4
00:00:27.000 --> 00:00:28.999
JK: Ja. Zum ersten Mal.

5
00:00:29.000 --> 00:00:33.999
IV: Zum ersten Mal. Mit was für einem Gefühl kamen Sie hierher? Welche Gefühle begleiten Sie?

6
00:00:34.000 --> 00:00:40.999
JK: So welche Gefühle begleiten… Sowohl schwierige als auch gute.

7
00:00:41.000 --> 00:00:45.999
Schwierige, weil es sehr schwer war, grausam. 

8
00:00:46.000 --> 00:00:54.999
Und letztendlich wurde ich zusammen mit einer Gruppe der Gefangenen in diesem Lager erschossen.

9
00:00:55.000 --> 00:01:01.999
Es war neben der Stadt Pilsen, Tschechoslowakei. Wir wurden dorthin gruppenweise gebracht. 

10
00:01:02.000 --> 00:01:09.999
Und so erschoss man Russen, Jugoslawen, einen Teil von italienischen Partisanen.

11
00:01:10.000 --> 00:01:18.999
Aber Polen, Rumänen und andere – sie wurden gehen gelassen. So, wir wurden gruppenweise dorthin gebracht, etwa ein tausend Menschen. 

12
00:01:19.000 --> 00:01:20.999
{Übersetzung. Unverständlich}

13
00:01:21.000 --> 00:01:28.999
JK: So, äh… Sie haben uns bis Pilsen gebracht. Das heißt diese Gruppe, die sie erschossen haben… {kein Ton}

14
00:01:29.000 --> 00:01:33.999
JK: … von hinten. Danach haben sie uns in den Wald gebracht und erschossen. 

15
00:01:34.000 --> 00:01:41.999
Ich wurde schwer verletzt. Hier ging die Kugel rein, hier kam sie raus. {zeigt mit dem Finger auf seinen Hals und auf sein Kinn} So.

16
00:01:42.000 --> 00:01:50.999
Und als die Deutschen zurückwichen, befahlen sie den Tschechen diese Leichen mit Erde abzudecken. 

17
00:01:51.000 --> 00:01:56.999
Und als sie uns abdeckten, sahen sie, dass ich lebendig bin. 

18
00:01:57.000 --> 00:02:06.999
Das heißt, der Mensch hat noch geatmet. So haben sie mir Hilfe geleistet, haben mich in irgendein Haus gebracht, ich erinnere mich nicht daran. 

19
00:02:07.000 --> 00:02:13.999
Danach haben sie mich wiederbelebt und ins Krankenhaus dort in Pilsen geschickt. 

20
00:02:14.000 --> 00:02:22.999
So. Man hat mich teilweise behandelt, und danach sind unsere Truppen gekommen – und man hat mich schon unseren Truppen übergegeben, in ein sowjetisches Militärspital.

21
00:02:23.000 --> 00:02:25.999
So eine. 

22
00:02:26.000 --> 00:03:18.999
{Übersetzung. Unverständlich.}

23
00:03:19.000 --> 00:03:23.999
IV: Wir fragen Sie über diesen Fall noch mal später, wo es konkret war, an welchem Ort…

24
00:03:24.000 --> 00:03:24.999
JK: Wie?

25
00:03:25.000 --> 00:03:27.999
IV: An welchem Ort war es, als man Sie erschoss?

26
00:03:28.000 --> 00:03:35.999
JK: An welchem Ort? Es war am 29.April 1945. 

27
00:03:36.000 --> 00:04:01.999
{Übersetzung. Unverständlich}

28
00:04:02.000 --> 00:04:04.999
IV: Sie waren in mehreren Konzentrationslagern. 

29
00:04:05.000 --> 00:04:11.999
JK: Ja. Ich war in Polen, Majdanek – es ist ein Konzentrationslager. Aus Majdanek verlagerte man mich… 

30
00:04:12.000 --> 00:04:22.999
{Umstellung der Kamera}

31
00:04:23.000 --> 00:04:26.999
JK: So, zuerst war ich Majdanek, Polen.

32
00:04:27.000 --> 00:04:29.999
IV: Wie kam es überhaupt dazu? Wie kamen Sie ins erste Lager?

33
00:04:30.000 --> 00:04:40.999
JK: Ah wie… So… Äh… Im Jahr 1941 kämpfte ich in der Stadt Kiew. So. 

34
00:04:41.000 --> 00:04:45.999
Die deutschen Truppen kamen der Stadt Kiew näher. 

35
00:04:46.000 --> 00:04:59.999
Und der Führer, Hitler, befahl Kiew am 8. August einzunehmen - und er kommt, um die Parade von deutschen Truppen persönlich abzunehmen. 

36
00:05:00.000 --> 00:05:11.999
Aber es ist ihm nicht gelungen. Wir haben Kiew befr… ich meine, wir haben es den Deutschen erst im Oktober überlassen, am 19. Oktober. 

37
00:05:12.000 --> 00:05:21.999
Nach dem Befehl unseres Oberbefehlshabers Kiew zu verlassen. Und wir waren schon eingekreist. Kiew. 

38
00:05:22.000 --> 00:05:28.999
Das heißt die Deutschen haben uns schon eingekreist. Und es war ein Befehl aus der Einkesselung herauszukommen, Kiew zu verlassen.  

39
00:05:29.000 --> 00:05:36.999
Und als wir herausgekommen sind, habe ich eine Kompanie geleitet, ich war Leutnant, es war mein Titel. 

40
00:05:37.000 --> 00:05:53.999
So, ich habe eine Kompanie geleitet. So, in diesem Zusammenhang, dass Hitler den deutschen Truppen befohlen hat, um jeden Preis am 8. August Kiew einzunehmen…

41
00:05:54.000 --> 00:06:04.999
Und dorthin hat er sehr starke deutsche Kräfte geschickt. Hier waren Panzer, Luftstreitkräfte, Minenwerfer, Infanterie usw. 

42
00:06:05.000 --> 00:06:18.999
So, aber wir waren schon schwach. Und als wir aus der Einkreisung rausgekommen sind, war die letzte Schlacht – am 5.Oktober 1941, ich war schwer verletzt.

43
00:06:19.000 --> 00:06:34.999
So. Und ich wurde gefangen genommen. Die Deutschen haben mich gefangen genommen. Und sie haben mich ins Kriegsgefangenenlager dort bereits in der Nähe von Kiew geschickt. Die Stadt Darnyzja.

44
00:06:35.000 --> 00:06:47.999
Danach wurde ich bereits nach Flossenbürg überstellt, danach in die Tschechoslowakei nach Tschenstochau, und aus dem Lager dort bin ich geflohen.

45
00:06:48.000 --> 00:07:01.999
Ich war drei Monate auf der Flucht. Dann haben mich die deutschen Truppen im Wald gefangen... Äh... Es war... 

46
00:07:02.000 --> 00:07:09.999
So ... eine Razzia der deutschen Truppen, weil die Partisanen dort waren. Eine Razzia. Und ich wurde erwischt.

47
00:07:10.000 --> 00:07:16.999
Sie fragen, "Partisan?" Nein, ich bin ein Gefangener, ich bin aus dem Tschenstochau-Lager geflohen.

48
00:07:17.000 --> 00:07:25.999
So, sie haben mich geprügelt, geschlagen. So. Und sie haben mich ins Gefängnis gebracht. Kielce. Polen.

49
00:07:26.000 --> 00:07:34.999
Und schon aus dem Gefängnis in Kielce ... Ich habe dort vier Monate gesessen,

50
00:07:35.000 --> 00:07:47.999
und die Hauptsache war, dass mich die deutschen Truppen gezwungen haben, in die russische Befreiungsarmee von Wlassow zu gehen,

51
00:07:48.000 --> 00:07:51.999
der eine neue Armee mit Hilfe der Hitler-Regierung gegründet hat.

52
00:07:52.000 --> 00:07:58.999
Aber ich als russischer Mensch, als Offizier, ich habe abgelehnt. So. 

53
00:07:59.000 --> 00:08:07.999
Ich werde nicht gegen Russen kämpfen, weil ich der Sohn des Russischen Volkes bin. Wenn sterben, dann aufrecht sterben.

54
00:08:08.000 --> 00:08:20.999
So haben sie sich mit mir abgemüht, haben mich sehr stark geschlagen, und dann in das Konzentrationslager Majdanek geschickt.

55
00:08:21.000 --> 00:08:29.999
Hier mit dem Konzentrationslager Majdanek habe ich meine Reise durch andere Konzentrationslager begonnen.

56
00:08:30.000 --> 00:08:39.999
Groß Rosen, dann war es ... Dora {richtig: Leitmeritz}, so ... Dann war es Flossenbürg, so. 

57
00:08:40.000 --> 00:08:57.999
Hier habe ich meine Qual beendet. So ... Wie ... Äh ... Wie, wie ... Ich weiß nicht, wie ein Kriegsverbrecher oder wie ein... Äh… 

58
00:08:58.000 --> 00:09:04.999
Wie hat es die deutsche Regierung eingeschätzt, wer ich für sie bin? Aber zumindest wurde ich in Konzentrationslagern gefangen gehalten.

59
00:09:05.000 --> 00:09:56.999
{Undeutlich. Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin}

60
00:09:57.000 --> 00:10:02.999
IV: Während Ihres Weges wussten Sie, wo Sie sind? Konnten Sie erkennen, in welches Lager Sie fahren? Oder wurden Sie einfach dorthin gebracht? 

61
00:10:03.000 --> 00:10:05.999
JK: Nein, nein, nein, nein.

62
00:10:06.000 --> 00:10:15.999
JK: Uns haben sie einfach aus Majdanek... Unsere Truppen sind schon näher gekommen, und dann äh...

63
00:10:16.000 --> 00:10:27.999
Am 6. November 1943 haben die Deutschen viele Juden in Majdanek, erschossen. Etwa 50.000. 

64
00:10:28.000 --> 00:10:33.999
Nun, dann kamen die SS-Leute herein: "Russisch ist auch kaputt, kaputt."

65
00:10:34.000 --> 00:10:42.999
Bald werdet ihr erschossen, wir erschießen euch alle {unverständlich}... Es… Äh .. und in der Kammer verbrennen wir euch, vergiften.

66
00:10:43.000 --> 00:10:53.999
So. Unsere kamen immer näher. Und 1943 wurde ich nach Flossenbürg versetzt, das heißt in dieses... In Groß Rosen. Zuerst nach Groß Rosen.

67
00:10:54.000 --> 00:11:05.999
Ich war in Groß Rosen bis Ende 1943, Anfang 1944, und 1944 wurde ich nach Dora {Leitmeritz} geschickt. 

68
00:11:06.000 --> 00:11:17.999
Es ist dort, wo ein unterirdischer Flugplatz gebaut wurde. So, und schon von Dora, aus Dora {Leitmeritz} wurde ich bereits gegen Ende 1944 nach Flossenbürg gebracht.

69
00:11:18.000 --> 00:11:53.999
{unverständlich. Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin}

70
00:11:54.000 --> 00:12:06.999
JK: {lächelt}

71
00:12:07.000 --> 00:12:08.999
IV: Hatten Sie irgendeine spezifische Qualifikation?

72
00:12:09.000 --> 00:12:10.999
JK: Wie?

73
00:12:11.000 --> 00:12:13.999
IV: Hatten Sie irgendeine spezifische Qualifikation? Warum wurden Sie von einem Lager zum anderen geschickt?

74
00:12:14.000 --> 00:12:23.999
JK: Nein, Nein, keine. Wir haben verschiedene Arbeiten gemacht. Aber nur die Erdarbeiten. In diesem ... 

75
00:12:24.000 --> 00:12:28.999
In Majdanek haben wir nicht gearbeitet. Uns Russen hat man zur Arbeit nicht gebracht. 

76
00:12:29.000 --> 00:12:38.999
Aber in Groß Ro... in Groß Ros... Ja, in Groß Rosen haben wir mit dem Stein gearbeitet... Wir haben dort den Schotter zerbröckelt. Stein. So.

77
00:12:39.000 --> 00:12:46.999
Und in Dora {meint: Leitmeritz} haben wir einen unterirdischen Flugplatz gebaut. So. Wir sind unter die Erde gegangen. 

78
00:12:47.000 --> 00:12:53.999
Wir haben mit den Karren da {winkt mit der Hand}. Und wir haben dort äh ... Diesen Stein gehämmert und heraus genommen…

79
00:12:54.000 --> 00:13:04.999
Und in Flossenbürg auch mit dem Stei... in den Steinplantagen hier. Stein haben wir... {zeigt mit der Hand}. Hier, gehämmert, ausgehöhlt, so. 

80
00:13:05.000 --> 00:13:06.999
Das war aber nicht mein Beruf {schüttelt mit dem Kopf}, nein, nein, nein.

81
00:13:07.000 --> 00:13:09.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

82
00:13:10.000 --> 00:13:11.999
JK: Es war nur die schwere Arbeit, physische. 

83
00:13:12.000 --> 00:13:48.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

84
00:13:49.000 --> 00:13:49.999
IV: Waren Sie im Lager Zwickau?

85
00:13:50.000 --> 00:13:52.999
JK: Wie-wie? Wo?

86
00:13:53.000 --> 00:13:53.999
IV: Zwickau.

87
00:13:54.000 --> 00:13:54.999
JK: Zwicka?

88
00:13:55.000 --> 00:13:56.999
IV: Zwickau

89
00:13:57.000 --> 00:13:59.999
IV: Es ist ein Außenlager – Zwickau {unverständlich}

90
00:14:00.000 --> 00:14:00.999
JK: Nein…

91
00:14:01.000 --> 00:14:05.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

92
00:14:06.000 --> 00:14:07.999
JK: Zwickau… Ich war nicht dort. {schüttelt mit dem Kopf}

93
00:14:08.000 --> 00:14:25.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

94
00:14:26.000 --> 00:14:35.999
JK: In Flossenbürg was sonst noch… Uns, die Gruppe... mmm ... Die Russen und andere hat man weggenommen. Hier war irgendein Rüstungsbetrieb.

95
00:14:36.000 --> 00:14:43.999
In der Nähe war das Lager dort {winkt mit der Hand}. Da habe ich in diesem Betrieb als Dreher gearbeitet.

96
00:14:44.000 --> 00:14:50.999
Und dann wurden wir Ende 1945 aufgestellt und ... {winkt mit der Hand} Man hat uns geführt {winkt mit der Hand}. 

97
00:14:51.000 --> 00:14:58.999
Wohin wurden wir geführt? Irgendwohin Richtung Osten. Man hat uns so bis Pilsen gebracht. Dort wurden wir erschossen.

98
00:14:59.000 --> 00:15:18.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

99
00:15:19.000 --> 00:15:20.999
JK: Dieser Betrieb ist irgendwo nicht weit von hier {zeigt mit der Hand nach vorne}.

100
00:15:21.000 --> 00:15:30.999
IV: Wie war der Alltag in diesem Lager? Das heißt, könnten Sie etwas über das Leben im Lager erzählen? 

101
00:15:31.000 --> 00:15:31.999
IV: Wie war das alles? Wie es passierte? 

102
00:15:32.000 --> 00:15:41.999
JK: Ah, wie... Sehr… Ich kann erzählen... Wie ... Also, der Weckruf war um sechs Uhr. 

103
00:15:42.000 --> 00:15:51.999
Um halb sieben wurde der sogenannte Kaffee gegeben. Dann ... {gestikuliert}. Und eine Scheibe des Brots. So. Und dann wurden wir zur Arbeit gebracht.

104
00:15:52.000 --> 00:15:59.999
Bei der Arbeit haben wir gearbeitet... etwa 9 - 10 Stunden. 

105
00:16:00.000 --> 00:16:13.999
So. Von dort hat man uns gebracht, wir haben Mittag gegessen, so. Und in die Baracken. Und dann war die Kontrolle des gesamten Lagers. 

106
00:16:14.000 --> 00:16:18.999
So. Die Überprüfung war manchmal lang, weil es keine Übereinstimmung gab. 

107
00:16:19.000 --> 00:16:27.999
Bei jedem Wetter - bekleidet waren wir schlecht, die Schuhe waren schlecht – da waren diese Holzschuhe…

108
00:16:28.000 --> 00:16:35.999
So... Diese gestreifte Uniform – sie war dünn. So standen wir stundenlang. 

109
00:16:36.000 --> 00:16:47.999
Danach, als es, wahrscheinlich, endlich alles korrekt war, haben sie Schlafenszeit ausgerufen und wir sind in die Baracken gegangen.

110
00:16:48.000 --> 00:16:56.999
Und uns wurde zum Abendessen für sechs Personen {zeigt einen Kreis mit dem Finger} ein rundes Brot gegeben {zeigt eine Geste, wie man ein Brot schneidet}.

111
00:16:57.000 --> 00:17:00.999
Portionsweise. Es ist etwa 120 Gramm pro Person.

112
00:17:01.000 --> 00:17:10.999
Und wir gingen ins Bett. Und wieder um sechs Uhr war der Weckruf, zur Arbeit, so... 

113
00:17:11.000 --> 00:17:17.999
Gingen wir von der Arbeit, dann gab es wieder die Kontrolle. So. Und so war es jeden Tag. So.

114
00:17:18.000 --> 00:17:26.999
Wenn man krank wurde, dann gab es die Baracken. Diese medizi... Medizinische.

115
00:17:27.000 --> 00:17:34.999
So führt man dich dorthin, dort macht man etwas. Nun. Etwas hilft man. 

116
00:17:35.000 --> 00:17:41.999
Und am Morgen geht man wieder in die Reihe, wieder in die Baracke, zur Arbeit und so jeden Tag.

117
00:17:42.000 --> 00:17:47.999
JK: Jeden Tag. Es gab keine Ruhetage. 

118
00:17:48.000 --> 00:18:22.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

119
00:18:23.000 --> 00:18:26.999
IV: Wo haben Sie geschlafen? Wo haben Sie gewohnt?

120
00:18:27.000 --> 00:18:34.999
JK: Wir haben in Baracken gewohnt. Es gab dreistöckige Baracken {zeigt mit der Hand die Stöcke}. Nun. Die Überbelegung war groß. 

121
00:18:35.000 --> 00:18:43.999
Manchmal waren auf diesen Pritschen zwei Menschen, so... Eine Decke wurde uns gegeben. Eine {zeigt den Finger}.

122
00:18:44.000 --> 00:18:46.999
Sie haben nichts weiter gegeben, keine Matratzen, nichts.

123
00:18:47.000 --> 00:18:55.999
So. Nun so und äh... wir haben uns in den Baracken erholt. Aber die Baracken waren im Winter kalt. 

124
00:18:56.000 --> 00:19:02.999
Die Holzbaracken. Denn manchmal waren sie offen {zeigt einen Spalt mit dem Finger}. Nun…

125
00:19:03.000 --> 00:19:12.999
Sehr grausam haben mit uns äh... die deutschen Gefangenen selber im Konzentrationslager behandelt. 

126
00:19:13.000 --> 00:19:24.999
Die SS-Leute haben sie als Barackenälteste eingesetzt. Und sie haben ihnen das Recht uns zu schlagen gegeben, das Recht uns zu töten. 

127
00:19:25.000 --> 00:19:32.999
Sie sind äh… mit den Gefangenen grausamer als die SS-Leute selber umgegangen.

128
00:19:33.000 --> 00:19:38.999
Verstehen Sie, so {unverständlich}… Diese Deutschen, die Verbrechen begangen hatten,

129
00:19:39.000 --> 00:19:47.999
sowohl die Politischen, roten, als auch die grünen {zeigt auf der Brust}, sie waren wegen Mord hier... Sie waren sehr grausam.

130
00:19:48.000 --> 00:20:16.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

131
00:20:17.000 --> 00:20:30.999
JK: Nun ... Jeder war ... Jeden Tag gab es Fälle. Entweder hat man gehängt: jemand hat versucht zu fliehen, jemand hat etwas zerbrochen, sofort hat man ihn äh ... erschossen.

132
00:20:31.000 --> 00:20:39.999
Sofort mit einer Peitsche bestraft {gestikuliert}, so ... Der Tisch war so – jemand wurde gebracht, und alle {gestikuliert}, das ganze Lager hat mitgeschaut.

133
00:20:40.000 --> 00:20:49.999
JK: {lässt das Glas fallen}. Oh, Entschuldigung. Ich habe sehr stark mit den Händen gestikuliert. So… Ähm…

134
00:20:50.000 --> 00:20:58.999
JK: So sie… Was, Lena, wo war ich stehen geblieben?

135
00:20:59.000 --> 00:21:00.999
IV: Sie haben erzählt, wie man euch geschlagen, misshandelt hat…

136
00:21:01.000 --> 00:21:07.999
JK: Ah, so, geschlagen, ja. Und das war alles öffentlich, alles war öffentlich. Nun.

137
00:21:08.000 --> 00:21:13.999
Und das, dass sie uns physisch mit den Stöcken geschlagen haben - es war eine tägliche Misshandlung. 

138
00:21:14.000 --> 00:21:18.999
Solche Grausamkeit, Unmenschlichkeit. Es war gruselig.

139
00:21:19.000 --> 00:21:23.999
IV: Sagen Sie bitte, und wenn jemand krank geworden ist, wie ist man mit den Kranken umgegangen?

140
00:21:24.000 --> 00:21:34.999
JK: Ja, wie ... es gab auch medizinische Mitarbeiter unter den Gefangenen.

141
00:21:35.000 --> 00:21:41.999
Die Deutschen oder die Franzosen, noch jemanden hat man als medizinischen Arbeiter ausgesucht - sie waren hauptsächlich dort. 

142
00:21:42.000 --> 00:21:46.999
Vielleicht war es ein deutscher Arzt. Aber in der Regel hat er nicht behandelt, die Häftlinge haben behandelt.

143
00:21:47.000 --> 00:21:56.999
Nun schauen sie. In der Regel gab es so ein Medikament, wenn es irgendwelche Schläge gab – gab es eine grüne äh... 

144
00:21:57.000 --> 00:22:06.999
diese grüne... so eine Masse. So schmieren sie, schmieren sie ein, so ... Ähm ... So ein…

145
00:22:07.000 --> 00:22:15.999
Sie wickeln um äm… Es gab keine… Binden. Sie hatten so welche aus Papier. 

146
00:22:16.000 --> 00:22:21.999
Mit diesen Papierbinden haben sie umwickelt. Nun, ein paar Tage durften wir dort bleiben: „Komm morgen".

147
00:22:22.000 --> 00:22:23.999
Und dann wieder zur Arbeit.

148
00:22:24.000 --> 00:22:29.999
So hat man keine aktive medizinische Hilfe geleistet. Nein. 

149
00:22:30.000 --> 00:22:36.999
Es war eher "je schneller man stirbt, desto besser." Fertig. So war die Verordnung. 

150
00:22:37.000 --> 00:22:59.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

151
00:23:00.000 --> 00:23:03.999
JK: Und ich wurde besonders geschlagen. Warum? Ich war ein Ausbrecher. 

152
00:23:04.000 --> 00:23:09.999
So hatte ich eine Zielscheibe: hier rot {zeigt mit den Gesten auf den Rücken}, hier rot, auf dem Ärmel, auf der Mütze.

153
00:23:10.000 --> 00:23:17.999
Deswegen hatten sie Angst mich außer Acht zu lassen, und bei der Arbeit war so eine Kontrolle ... sehr streng.

154
00:23:18.000 --> 00:23:20.999
Sie haben immer überwacht. 

155
00:23:21.000 --> 00:23:23.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

156
00:23:24.000 --> 00:23:26.999
JK: Ja… 

157
00:23:27.000 --> 00:23:43.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

158
00:23:44.000 --> 00:23:45.999
IV: Sie waren in mehreren Lagern, in verschiedenen Lagern.

159
00:23:46.000 --> 00:23:47.999
JK: Wie-wie?

160
00:23:48.000 --> 00:23:48.999
IV: Sie waren in verschiedenen Lagern.

161
00:23:49.000 --> 00:23:49.999
JK: Ja.

162
00:23:50.000 --> 00:23:54.999
IV: Haben sie sich voneinander irgendwie unterschieden, wie man dort mit Ihnen umgegangen ist?

163
00:23:55.000 --> 00:23:56.999
JK: Ja, sie haben sich unterschieden. 

164
00:23:57.000 --> 00:24:05.999
JK: Grausam war das Lager in Polen, Majdanek. Sehr grausam. Das brutale Lager war äm... Dora. {meint: Leitmeritz}

165
00:24:06.000 --> 00:24:13.999
Dort wurde überhaupt keine Rücksicht genommen {gestikuliert}. Man hat geschlagen, getötet, uns die Hunde nachgehetzt, alles.

166
00:24:14.000 --> 00:24:23.999
So, in Groß Rosen war es irgendwie leichter, in Flossenbürg war es vielleicht auch leichter, 

167
00:24:24.000 --> 00:24:30.999
aber trotzdem {schüttelt den Kopf} gab es fast keine Unterschied. Die Grausamkeit war überall.

168
00:24:31.000 --> 00:24:40.999
Irgendwo war es härter und irgendwo einfacher. Es hat von den SS-Leuten abgehangen und von diesen sogenannten Kapos.

169
00:24:41.000 --> 00:24:52.999
Kapo, Kapo. Diese äh ... Gefangenen wurden von den Deutschen eingesetzt - sie waren sehr grausam, sie sind grausam.

170
00:24:53.000 --> 00:25:15.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

171
00:25:16.000 --> 00:25:22.999
IV: Könnten Sie etwas mehr über die Arbeit erzählen, die Sie hier in Flossenbürg gemacht haben?

172
00:25:23.000 --> 00:25:23.999
IV: In Flossenbürg?

173
00:25:24.000 --> 00:25:25.999
IV: Ja. 

174
00:25:26.000 --> 00:25:35.999
JK: So… Uns hat man in die Steinbrüche geführt, dort haben wir so... äh... {gestikuliert}. 

175
00:25:36.000 --> 00:25:41.999
SS-Leute haben uns eingekreist, und wir hatten Hacken, dann Abbauhämmer, 

176
00:25:42.000 --> 00:25:54.999
und uns wurde gesagt, welche Größe {zeigt ein Quadrat mit den Händen} man machen muss… Einen Block aus diesem... äh... aus dem Stein.

177
00:25:55.000 --> 00:26:06.999
So haben wir es ausgehöhlt. Den anderen gaben ... um es... {gestikuliert} um einen großen Stein zu Schotter zu zerkleinern, zu den kleinen, so...

178
00:26:07.000 --> 00:26:24.999
Es gab solche Arbeiten. Nur im Steinbruch. Ich war bei keinen anderen Arbeiten.

179
00:26:25.000 --> 00:26:30.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

180
00:26:31.000 --> 00:26:35.999
IV: Wie haben Sie die Arbeit gemacht? War es Handarbeit oder gab es irgendwelche Maschinen?

181
00:26:36.000 --> 00:26:37.999
JK: Nein, Handarbeit, nur Handarbeit.

182
00:26:38.000 --> 00:26:50.999
JK: Es gab nur diese ... {gestikuliert} die großen Hämmer, die großen, dann gab es die Vorschlaghämmer zum zerschlagen. 

183
00:26:51.000 --> 00:26:56.999
Nur Handarbeit. Keine... Keine Mechanisierung gab es. Keine Mechanisierung.

184
00:26:57.000 --> 00:27:05.999
Und wenn man sich entspannen wollte, kamen sofort diese Kapos und SS-Leute.

185
00:27:06.000 --> 00:27:12.999
{zeigt Schläge mit den Gesten} "Schneller, arbeiten, schneller, russisches Schwein", und so, und so…

186
00:27:13.000 --> 00:27:22.999
Sie haben keine Ruhe gegeben. Der Mensch kann schon nicht mehr, so, er hat schon keine Kraft mehr, egal - „Aufstehen". 

187
00:27:23.000 --> 00:27:28.999
Wenn er nicht aufstehen kann, wurde er genommen, rausgezogen... 

188
00:27:29.000 --> 00:27:22.999
Dort war ein Grundstück, dort waren die Hunde, und er war dort. 

189
00:27:23.000 --> 00:27:35.999
Bis alle mit der Arbeit fertig waren, wurde er von dort nicht abgeholt.

190
00:27:36.000 --> 00:27:43.999
Und als die Arbeit vorbei war, wurden alle in die Reihe gestellt und dieser Kranke auch mit… mit... 

191
00:27:44.000 --> 00:27:52.999
Auch wenn er gestorben war - auch Leichen, damit Sie alle abends ins Lager gebracht wurden. Im Lager wird man gezählt - alle da. 

192
00:27:53.000 --> 00:27:55.999
Also dann bringt man die Leichen in die Kammer, ins Gas. 

193
00:27:56.000 --> 00:28:08.999
Und die Kranken, wenn sie eine Hilfe benötigen – ins Revier, in die medizinische Baracke. So.

194
00:28:09.000 --> 00:28:37.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

195
00:28:38.000 --> 00:28:38.999
IV: War es im Winter, als Sie hier waren?

196
00:28:39.000 --> 00:28:41.999
JK: Ja.

197
00:28:42.000 --> 00:28:48.999
Ich war im Winter und am Anfang des Frühlings, weil es äh ... 

198
00:28:49.000 --> 00:28:53.999
Uns hat man aus dem Lager im April geführt {zeigt mit der Hand in der Ferne}. 

199
00:28:54.000 --> 00:28:59.999
Wir wurden auf den Transport irgendwo Richtung Tschechoslowakei gebracht, dorthin nach Prag, nach Pilsen.

200
00:29:00.000 --> 00:29:08.999
Und ich bin im Winter angekommen. Nun. Ende 1944. So ... 

201
00:29:09.000 --> 00:29:14.999
Also, im Oktober oder im November, ich erinnere mich nicht genau. Es war im Winter. Winter. 

202
00:29:15.000 --> 00:29:16.999
Ein kalter Winter war es. Schrecklich.

203
00:29:17.000 --> 00:29:24.999
{gestikuliert} Es gab noch einen Bombenangriff, die Engländer haben angefangen, hier zu bombardieren. Es war schwer…

204
00:29:25.000 --> 00:29:26.999
IV: War es sehr kalt? Gab es Schnee? 

205
00:29:27.000 --> 00:29:30.999
JK: Ja, sowohl kalt, als auch hungrig, und schwer.

206
00:29:31.000 --> 00:29:53.999
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

207
00:29:54.000 --> 00:29:55.999
IV: Sie haben gesagt, es gab die Bombenangriffe…

208
00:29:56.000 --> 00:29:58.999
JK: Man hat bombardiert

209
00:29:59.000 --> 00:30:02.999
IV: Man hat bombardiert, ja. Und hat man eine Stadt irgendwo in der Nähe oder auch das Lager bombardiert?

210
00:30:03.000 --> 00:30:07.999
JK: So, wo wir im Betrieb gearbeitet haben, dieser Betrieb wurde bombardiert.

211
00:30:08.000 --> 00:30:16.999
So ... Ich erinnere mich jetzt nicht an die Stadt, in der wir waren. Wir haben in einer Rüstungsfabrik gearbeitet. 

212
00:30:17.000 --> 00:30:23.999
So, man hat angefangen zu bombardieren, sowohl schon die Engländer als auch die Amerikaner, so ... 

213
00:30:24.000 --> 00:30:28.999
Man konnte das schon sehen, sie haben angefangen staffelweise herum zu fliegen. 

214
00:30:29.000 --> 00:30:35.999
Wir haben Dresden gehört und andere ... Man hat sehr stark bombardiert.

215
00:30:36.000 --> 00:30:41.999
Sehr stark. Und deswegen hatten die Deutschen Angst, uns weiter in der Fabrik zu halten,

216
00:30:42.000 --> 00:30:46.999
und haben uns schneller von dort weggenommen, damit wir nicht fliehen können.

217
00:30:47.000 --> 00:31:16.633
{Gespräch zwischen dem Kameramann und der Dolmetscherin} 

