WEBVTT

1
00:00:00.133 --> 00:00:01.699
CM: Wir können

2
00:00:01.700 --> 00:00:07.199
IV: Heute ist der 3. November 2006, und wir sind zu Besuch bei Frau Helga Hošková, 

3
00:00:07.200 --> 00:00:10.899
Pod Kotlaskou 7 in Prag-Lieben.

4
00:00:10.900 --> 00:00:14.966
Frau Hošková, wir danken Ihnen sehr, dass Sie uns empfangen haben,

5
00:00:14.967 --> 00:00:19.066
und dass Sie bereit sind, sich mit uns über Ihr Leben zu unterhalten 

6
00:00:19.067 --> 00:00:25.799
im Rahmen des Projektes Aufzeichnung von Gesprächen mit ehemaligen tschechischen Häftlingen des Konzentrationslagers Flossenbürg und seiner Außenlager.

7
00:00:25.800 --> 00:00:29.499
Also noch einmal vielen Dank, und wenn ich darf, 

8
00:00:29.500 --> 00:00:31.966
würde ich Ihnen gern gleich die erste Frage stellen. 

9
00:00:31.967 --> 00:00:37.632
Könnten Sie mir etwas von Ihrem Vater und Ihrer Mutter erzählen? 

10
00:00:37.633 --> 00:00:43.466
HH: Also, ich wurde geboren - ganz zufällig wurde ich in dieser Wohnung geboren.

11
00:00:43.467 --> 00:00:47.866
Wir waren weder eine reiche noch eine arme Familie...

12
00:00:47.867 --> 00:00:51.066
Oder andersherum, weder arm noch reich.

13
00:00:51.067 --> 00:00:53.999
Mein Vater war Bankangestellter und meine Mutter Näherin,

14
00:00:54.000 --> 00:00:55.866
also Mittelschicht.

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00:00:55.867 --> 00:00:59.866
Ich bin mit nichtjüdischen Freunden aufgewachsen, 

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00:00:59.867 --> 00:01:06.566
mit nichtjüdischen Nachbarn, und wir lebten im Prinzip das gleiche Leben wie all unsere Nachbarn ringsum.

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00:01:06.567 --> 00:01:09.999
Ich bin hier zur Schule gegangen.

18
00:01:10.000 --> 00:01:14.966
Eigentlich habe ich hier in Prag-Lieben, bis auf den Krieg, mein ganzes Leben verbracht. 

19
00:01:14.967 --> 00:01:19.866
IV: Und hat sich das bei Ihnen irgendwie gezeigt ...

20
00:01:19.867 --> 00:01:24.432
Sie sagten, Sie hätten so ein normales, klassisches Leben geführt,

21
00:01:24.433 --> 00:01:26.632
in dem nicht nach jüdisch, nichtjüdisch unterschieden wurde...

22
00:01:26.633 --> 00:01:30.966
Haben sich dann die Ereignisse in Deutschland nicht doch irgendwie bei Ihnen niedergeschlagen?

23
00:01:30.967 --> 00:01:33.632
HH: Na sicher, bis zu der Zeit habe nich nicht mal... 

24
00:01:33.633 --> 00:01:36.466
Also ich wusste zwar von meiner Herkunft, aber damit hatte ich...

25
00:01:36.467 --> 00:01:39.666
Das hatte für mich keine wesentlichere Bedeutung.

26
00:01:39.667 --> 00:01:44.599
Ich habe da keinen Unterschied gesehen, doch mit der Okkupation wurde alles anders. 

27
00:01:44.600 --> 00:01:47.332
An den Tag erinnere ich mich genau, an den 15. März.

28
00:01:47.333 --> 00:01:50.199
Da war ich wie alt? Ich war so 10 Jahre. 

29
00:01:50.200 --> 00:01:52.432
Denn ich bin im Jahr '29 zur Welt gekommen.

30
00:01:52.433 --> 00:01:57.132
Also ja... Also neun Jahre. Zehn.

31
00:01:57.133 --> 00:01:59.399
An diesen Tag erinnere ich mich genau, 

32
00:01:59.400 --> 00:02:03.466
und mit diesem Tage veränderte sich eigentlich mein ganzes bisheriges Leben.

33
00:02:03.467 --> 00:02:08.266
Denn... Ich erinnere mich sogar daran, dass mich mein Vater damals zur Schule begleitet hat -

34
00:02:08.267 --> 00:02:12.532
ich bin zu der Zeit schon allein zu Schule gegangen - er begleitete mich und hatte schon Angst. 

35
00:02:12.533 --> 00:02:16.099
Wir hatten einen sehr guten Lehrer - Herr Lehrer Náhlíček hat er geheißen.

36
00:02:16.100 --> 00:02:18.832
Mein Vater hat sich dann mit ihm irgendwie angefreundet.

37
00:02:18.833 --> 00:02:20.832
Politisch hatten sie später irgendwie Kontakt.

38
00:02:20.833 --> 00:02:24.599
Und der hat gesagt: „Solange ich hier bin, müssen Sie keine Angst haben, ihr passiert nichts.“ 

39
00:02:24.600 --> 00:02:29.566
Doch so war es nicht ganz, der Herr Lehrer konnte die Situation natürlich nicht retten. 

40
00:02:29.567 --> 00:02:33.999
In der Klasse habe ich mich wohlgefühlt, doch ab dieser Zeit hat sich alles verändert. 

41
00:02:34.000 --> 00:02:42.032
Damit begannen all diese Anordnungen, all diese Verbote, und langsam trennte man uns von der Gesellschaft ab, 

42
00:02:42.033 --> 00:02:45.166
in der wir ganz einheitlich gelebt hatten.

43
00:02:45.167 --> 00:02:52.699
Eigentlich isolierte man uns vollständig, und wir schlossen uns mehr in dieser jüdischen Gesellschaft ein, 

44
00:02:52.700 --> 00:02:56.266
denn unter den anderen... Das war gefährlich.

45
00:02:56.267 --> 00:02:59.266
Das war gefährlich vor allem für sie, sich mit uns zu treffen, 

46
00:02:59.267 --> 00:03:02.932
und es gab nur wenige, die das taten.

47
00:03:02.933 --> 00:03:07.599
Und es gab sogar solche, dass wir ihnen dann selbst gesagt haben: „Tut es nicht.“

48
00:03:07.600 --> 00:03:10.466
Es waren auch solche, die uns zum Beispiel grüßten.

49
00:03:10.467 --> 00:03:15.032
Sogar öffentlich auf der Straße... ganz demonstrativ...

50
00:03:15.033 --> 00:03:16.599
Und denen haben wir selbst gesagt: „Tut das nicht...“ 

51
00:03:16.600 --> 00:03:18.899
Es war gefährlich für sie.  

52
00:03:18.900 --> 00:03:22.199
Es gab so ein paar, aber es wurden immer weniger,

53
00:03:22.200 --> 00:03:26.999
und eigentlich waren wir dann völlig von ihnen isoliert.

54
00:03:27.000 --> 00:03:30.799
IV: Und konnten die Sorgen Ihres Vaters -

55
00:03:30.800 --> 00:03:37.466
die selbstverständlich angebracht waren, wenngleich ich denke, dass das im Jahre '39 sicher nicht allen bewusst war...

56
00:03:37.467 --> 00:03:41.699
Konnten sie daher rühren, dass er irgendwie engagiert war, 

57
00:03:41.700 --> 00:03:42.266
dass er zum Beispiel Kontakte nach Deutschland hatte?

58
00:03:42.267 --> 00:03:45.832
HH: Nun, mein Vater war ziemlich stark politisch engagiert.

59
00:03:45.833 --> 00:03:50.099
Sogar ich habe damals an all diesen Versammlungen,

60
00:03:50.100 --> 00:03:53.999
die zum Beispiel in unserer Wohnung stattfanden, teilgenommen. 

61
00:03:54.000 --> 00:03:57.166
Ich denke, ich hatte politisch einen recht guten Überblick.

62
00:03:57.167 --> 00:04:01.899
Und mein Vater war in der Sozialdemokratie hier in Prag tätig.

63
00:04:01.900 --> 00:04:06.032
Er gründete hier im Haus des Arbeiters zum Beispiel eine Lesestube und eine Bibliothek. 

64
00:04:06.033 --> 00:04:10.466
Er ging auch zum Schachspielen hin. Ich erinnere mich, dass ich immer am Sonntagvormittag mit ihm zusammen hinging.

65
00:04:10.467 --> 00:04:14.466
Er war politisch aktiv, und ich habe noch andere Erinnerungen.  

66
00:04:14.467 --> 00:04:16.366
Vielleicht gehen die dem noch voraus,

67
00:04:16.367 --> 00:04:25.332
denn aus Deutschland flohen schon einige politisch engagierte Leute. 

68
00:04:25.333 --> 00:04:29.366
Sie flohen aus Deutschland und dann über die Tschechoslowakei.

69
00:04:29.367 --> 00:04:33.632
Und daran erinnere ich mich gerade, das die Organisation... nicht wahr, das haben die organisiert

70
00:04:33.633 --> 00:04:38.699
und wir hatten sogar bei uns - einige Zeit wohnte bei uns ein solcher Flüchtling.

71
00:04:38.700 --> 00:04:40.366
Er hieß Herr Schuster.

72
00:04:40.367 --> 00:04:44.566
Er wohnte dort in dem kleinen Zimmer und er war vorher inhaftiert gewesen -

73
00:04:44.567 --> 00:04:48.132
dann haben sie ihn zwar freigelassen -  aber er hat uns damals was von den Konzentrationslagern erzählt.

74
00:04:48.133 --> 00:04:51.499
Das waren eigentlich die ersten Nachrichten von Konzentrationslagern.

75
00:04:51.500 --> 00:04:53.899
Das wussten wir also und ich erinnere mich daran.

76
00:04:53.900 --> 00:04:57.066
Ich erinnere mich sogar noch daran, dass sie dann noch weiter flüchteten.

77
00:04:57.067 --> 00:04:59.232
Ich glaube, sie flüchteten irgendwohin nach Holland. 

78
00:04:59.233 --> 00:05:01.632
Nun, wahrscheinlich sind sie ihnen letztlich sowieso nicht entkommen... 

79
00:05:01.633 --> 00:05:07.532
Aber sie haben es versucht. Und ich erinnere mich daran, dass wir sie damals auf den Bahnhof begleitet haben, 

80
00:05:07.533 --> 00:05:09.066
den Wilson-Bahnhof. 

81
00:05:09.067 --> 00:05:12.232
Das ist ein unvergessliches Erlebnis, nicht wahr, ich war 10 Jahre alt,

82
00:05:12.233 --> 00:05:18.899
und ich erinnere mich daran, wie sie dort mit den Tornistern gesessen haben, und ich erinnere mich daran, dass da eine Mutter mit einem Säugling war, mit einem Kind,

83
00:05:18.900 --> 00:05:20.732
das ist bis heute in mir hängen geblieben. 

84
00:05:20.733 --> 00:05:23.632
Ich habe damals natürlich nicht gewusst oder nicht geahnt,

85
00:05:23.633 --> 00:05:26.399
dass wir in einigen Jahren, in wenigen Jahren

86
00:05:26.400 --> 00:05:29.032
auch mit diesen Tornistern dasitzen werden. 

87
00:05:29.033 --> 00:05:31.932
Das also sind meine Erinnerungen daran, 

88
00:05:31.933 --> 00:05:36.599
dass wir schon damals etwas geahnt oder gewusst haben... oder dass mein Vater etwas gewusst hat.

89
00:05:36.600 --> 00:05:41.932
IV: Und haben Sie zu Hause über die politische Situation gesprochen - nur privat?

90
00:05:41.933 --> 00:05:44.132
Ich weiß nicht, vielleicht über die Besetzung der Grenzgebiete...?

91
00:05:44.133 --> 00:05:45.432
HH: Nun, sicher, das alles.

92
00:05:45.433 --> 00:05:50.732
Es kamen so Leute hierher, Bekannte meines Vaters, also haben wir das in der Wohnung besprochen. 

93
00:05:50.733 --> 00:05:56.599
Ich erinnere mich sogar an eine Sache, dass was passiert ist und sie mich irgendwie nicht darüber informiert haben, 

94
00:05:56.600 --> 00:06:00.766
und ich fühlte mich beleidigt... Ich habe gesagt: „Das sind aber Leute, sie sagen mir das nicht mal.“

95
00:06:00.767 --> 00:06:06.166
So denke ich, dass ich einen recht guten Überblick über die Situation hatte.

96
00:06:06.167 --> 00:06:12.199
IV: Haben Sie oder Ihre Eltern daran gedacht zu emigrieren?

97
00:06:12.200 --> 00:06:15.766
Wir haben darüber nachgedacht, ich denke, das hat wohl jeder gemacht, 

98
00:06:15.767 --> 00:06:21.366
aber emigrieren war nicht so einfach. Ich kann mich zum Beispiel noch daran erinnern, nicht wahr,

99
00:06:21.367 --> 00:06:27.632
da hatten wor solche Familientreffen, wo also die Tanten kamen, man saß am Tisch,

100
00:06:27.633 --> 00:06:30.632
auf dem Tisch eine Karte, und jetzt schaute man, nicht wahr, 

101
00:06:30.633 --> 00:06:33.166
und sagte: „Na, und wohin denn, wo nehmen sie denn Juden noch auf?“ 

102
00:06:33.167 --> 00:06:36.132
Weil...  Und dann haben wir gesagt: „Und wie spricht man dort?“

103
00:06:36.133 --> 00:06:37.866
„Welche Sprache und was werden wir dort machen?“

104
00:06:37.867 --> 00:06:43.866
Und wenn nicht alle gehen, dann lassen wir doch hier keine Tante oder die Oma zurück.

105
00:06:43.867 --> 00:06:47.732
Emigrieren war eben nicht so einfach, wenn die Leute sich das heute denken, 

106
00:06:47.733 --> 00:06:50.999
denn einmal mussten Sie da jemanden haben.

107
00:06:51.000 --> 00:06:55.632
Der Betreffende musste Ihnen einen so genannten Affidavit schicken, das nannte man so. 

108
00:06:55.633 --> 00:06:59.699
Das war so eine Garantie, dass man dem Land nicht zur Last fällt, 

109
00:06:59.700 --> 00:07:02.032
dass sich dort jemand um uns kümmert. 

110
00:07:02.033 --> 00:07:06.532
Dann brauchte man… jedes Land hatte eine bestimmte Quote,

111
00:07:06.533 --> 00:07:11.099
wie viele Flüchtlinge, wie viele jüdische Flüchtlinge es aufnimmt.

112
00:07:11.100 --> 00:07:15.432
Die Quoten waren ausgeschöpft, also war das die zweite Sache. 

113
00:07:15.433 --> 00:07:19.299
Dann musste man für jeden, der auswandern wollte, bezahlen.

114
00:07:19.300 --> 00:07:21.466
Diese Summen waren recht hoch.

115
00:07:21.467 --> 00:07:24.699
Und wie ich gesagt habe, hatten wir auch keine Verwandten draußen, 

116
00:07:24.700 --> 00:07:28.599
und wir hatten auch nicht so viel Geld, und man konnte auch keines mehr…

117
00:07:28.600 --> 00:07:32.799
Und dann wollten wir selbstverständlich die Familie nicht auseinander reißen. 

118
00:07:32.800 --> 00:07:36.032
Und so ist von unserer Familie eigentlich niemand geflüchtet.

119
00:07:36.033 --> 00:07:42.932
Wir sind alle geblieben, und fast alle sind später dann umgekommen.

120
00:07:42.933 --> 00:07:48.232
IV: Sie haben auch erwähnt, dass Sie ein klassisches, normales Leben lebten

121
00:07:48.233 --> 00:07:55.932
und dass eigentlich erst diese beschränkenden Anordnungen Sie in die jüdische Gemeinschaft führten...

122
00:07:55.933 --> 00:08:01.099
Also haben Sie zu Hause den jüdischen Glauben nicht praktiziert, oder?

123
00:08:01.100 --> 00:08:03.199
HH: Nie sonderlich viel.

124
00:08:03.200 --> 00:08:06.399
Wie gesagt, ich wusste davon, von klein auf, aber...

125
00:08:06.400 --> 00:08:09.666
Ich bin sogar zum jüdischen Religionsunterricht gegangen,  

126
00:08:09.667 --> 00:08:16.966
aber sonst ging ich mit meiner Mutter so zweimal im Jahr zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen in die Synagoge, 

127
00:08:16.967 --> 00:08:19.332
und das war im Grunde alles.

128
00:08:19.333 --> 00:08:21.199
Das war, glaube ich, im Grunde alles.

129
00:08:21.200 --> 00:08:25.032
Wir hatten... ich hatte nie einen Weihnachtsbaum.

130
00:08:25.033 --> 00:08:29.832
Ich hatte nie einen Weihnachtsbaum, das wusste ich, nicht wahr, aber es störte mich nicht -

131
00:08:29.833 --> 00:08:32.166
ich wusste, dass Juden eben keinen Weihnachtsbaum haben. 

132
00:08:32.167 --> 00:08:34.932
Aber ich erinnere mich daran, dass ich einen für meine Puppen gemacht habe - 

133
00:08:34.933 --> 00:08:37.699
ich hatte Stübchen für die Puppen und sagte zu mir: „Das sind keine Juden.“

134
00:08:37.700 --> 00:08:41.799
Und so hatte ich einen kleinen Baum und bastelte für sie kleine Geschenke.

135
00:08:41.800 --> 00:08:46.199
Das war das Einzige, aber sonst… Mein Vater ging gar nicht in die Synagoge,

136
00:08:46.200 --> 00:08:50.632
und meine Mutter und ich gingen hin, weil meine Mutter aus Prag-Smichov kam,

137
00:08:50.633 --> 00:08:54.799
sie hatte sogar in der kleinen Synagoge von Prag-Smichov am Anděl geheiratet, 

138
00:08:54.800 --> 00:08:59.166
und meine Oma wohnte noch dort, auch meine Tante,

139
00:08:59.167 --> 00:09:03.366
das heißt also, zu jüdischen Festtagen gingen wir nach Prag-Smichov in die Synagoge,

140
00:09:03.367 --> 00:09:07.566
Aber wie ich gesagt habe: das war zweimal im Jahr zu den wichtigsten Feiertagen, und das war alles.

141
00:09:07.567 --> 00:09:13.566
IV: Zu den antijüdischen Maßnahmen gehörte eigentlich auch das Verbot des Schulbesuchs,

142
00:09:13.567 --> 00:09:16.132
wie haben Sie diese Sache aufgenommen?

143
00:09:16.133 --> 00:09:19.999
HH: Nun, das war, das war schwer für mich. Daran kann ich mich wieder genau erinnern.

144
00:09:20.000 --> 00:09:25.099
Ich habe die 4. Klasse der Grundschule hier in Prag-Lieben im Schlösschen abgeschlossen, 

145
00:09:25.100 --> 00:09:30.932
und ich erinnere mich auch noch an den Tag, als ich mein Zeugnis abholen wollte, das letzte von der 4. Klasse,

146
00:09:30.933 --> 00:09:34.499
und damals hat man mir schon gesagt, dass ich das nächste Jahr nicht mehr hingehe.

147
00:09:34.500 --> 00:09:37.066
So haben wir uns irgendwie verabschiedet, 

148
00:09:37.067 --> 00:09:39.099
meine Mutter wartete vor der Schule auf mich. 

149
00:09:39.100 --> 00:09:43.399
Ich kam weinend heraus, und meine Mutter versuchte wieder, mich zu beruhigen, sie sagte: 

150
00:09:43.400 --> 00:09:46.299
„Weine nicht, die Leuten denken sonst noch, du hast ein schlechtes Zeugnis.“ 

151
00:09:46.300 --> 00:09:49.666
Ich hatte lauter Einsen {lacht}, so war das also. 

152
00:09:49.667 --> 00:09:53.999
Nun, und ab der, die 5. Klasse machte ich dann schon halb illegal -

153
00:09:54.000 --> 00:09:57.432
damals gab es in Prag nur eine jüdische Schule in der Jáchymova ulice. 

154
00:09:57.433 --> 00:10:00.799
Da konnten natürlich nicht alle Kinder hingehen, 

155
00:10:00.800 --> 00:10:03.699
und es wurden so Zirkel organisiert. 

156
00:10:03.700 --> 00:10:09.732
Zirkel, in denen zumeist jüdische Hochschulstudenten unterrichteten, 

157
00:10:09.733 --> 00:10:13.132
die natürlich von den Hochschulen ausgeschlossen worden waren,

158
00:10:13.133 --> 00:10:15.799
die übrigens zu dieser Zeit überhaupt schon geschlossen waren,

159
00:10:15.800 --> 00:10:18.199
auch für die anderen, nicht nur für die jüdischen Studenten. 

160
00:10:18.200 --> 00:10:22.399
Und es waren normalerweise so kleine Gruppen, so um die 10 Kinder, 

161
00:10:22.400 --> 00:10:25.599
und es wurde in verschiedenen... in Familien unterrichtet,

162
00:10:25.600 --> 00:10:29.199
irgendwie in Wohnungen, und so habe ich auch so einen Zirkel besucht. 

163
00:10:29.200 --> 00:10:32.332
Da hab' ich dann die 5. Klasse abgeschlossen. 

164
00:10:32.333 --> 00:10:36.799
Und aus der 5. Klasse, das ist mein letztes Vorkriegszeugnis,

165
00:10:36.800 --> 00:10:40.632
das habe ich in der Jáchymova ulice gemacht, ich habe eine Prüfung abgelegt.

166
00:10:40.633 --> 00:10:46.266
Und dann begann ich nach den Ferien noch mit der 6. Klasse

167
00:10:46.267 --> 00:10:49.132
oder der Prima, wieder in einem anderen Zirkel.

168
00:10:49.133 --> 00:10:52.499
Wir waren zehn, acht Jungen, zwei Mädchen. 

169
00:10:52.500 --> 00:10:55.599
Nun, dort bin ich aber nur zweieinhalb Monate hingegangen, 

170
00:10:55.600 --> 00:10:59.999
denn das war dann schon im Jahre ´41, und die Transporte gingen los. 

171
00:11:00.000 --> 00:11:04.566
Sie begannen... ich glaube, zuerst gingen aus dem Zirkel zwei weg,

172
00:11:04.567 --> 00:11:06.532
aus dem Zirkel vor mir.

173
00:11:06.533 --> 00:11:09.899
Die ersten fünf Transporte gingen nach Polen, 

174
00:11:09.900 --> 00:11:12.066
und dann begannen die nach Theresienstadt,

175
00:11:12.067 --> 00:11:16.399
und wir waren in einem der ersten Transporte nach Theresienstadt. 

176
00:11:16.400 --> 00:11:20.532
Es war im Dezember, im Dezember ´41,

177
00:11:20.533 --> 00:11:26.499
am 7. Dezember sind wir eingestiegen und am 10. Dezember kamen wir in Theresienstadt an.

178
00:11:26.500 --> 00:11:30.599
Das war genau einen Monat nach meinem 12. Geburtstag.

179
00:11:30.600 --> 00:11:32.932
IV: Und was haben Sie gedacht, 

180
00:11:32.933 --> 00:11:35.466
wenn zum Beispiel Ihre Bekannten oder Ihre Mitschüler 

181
00:11:35.467 --> 00:11:38.599
die Vorladungen zum Antritt bekamen?

182
00:11:38.600 --> 00:11:43.466
HH: Was wir dachten? Nun, wir wussten, wir nahmen die Situation, wie sie war, 

183
00:11:43.467 --> 00:11:47.732
und wir wussten, dass über kurz oder lang auch wir an die Reihe kommen. 

184
00:11:47.733 --> 00:11:50.699
Der Abschied war schwer, denn wir verabschiedeten uns

185
00:11:50.700 --> 00:11:55.932
von jedem, der wegging, und wir wussten nie, ob wir uns noch einmal wiedersehen. 

186
00:11:55.933 --> 00:11:59.866
Wir haben uns sogar auch etwas gefreut, als wir dann in dem Transport waren,

187
00:11:59.867 --> 00:12:03.566
denn wir freuten uns darauf, einige wiederzusehen.

188
00:12:03.567 --> 00:12:07.999
Nun, aber die Abschiede waren schwer, das waren Schritte ins Unbekannte,

189
00:12:08.000 --> 00:12:12.799
aber niemand konnte sich natürlich vorstellen... niemand hat geahnt -

190
00:12:12.800 --> 00:12:15.199
einmal, dass der Krieg so lange dauert 

191
00:12:15.200 --> 00:12:18.266
und dass er so schrecklich wird, wie es dann kam.

192
00:12:18.267 --> 00:12:22.466
Und wir ließen wohl auch den Gedanken nicht zu, vor allem wir Kinder nicht,

193
00:12:22.467 --> 00:12:26.632
also, wir ließen den Gedanken nicht zu, dass jemand nicht überleben würde, das gar nicht.

194
00:12:26.633 --> 00:12:28.866
IV: Das kann ja auch kaum zum Kindsein gehören.

195
00:12:28.867 --> 00:12:32.399
HH: Aber wir haben uns verabschiedet, und die Abschiede waren schwer.

196
00:12:32.400 --> 00:12:34.999
IV: Und wie ging das so technisch vor sich, 

197
00:12:35.000 --> 00:12:37.666
die Vorladung zum Transport...

198
00:12:37.667 --> 00:12:37.832
HH: Na ja...

199
00:12:37.833 --> 00:12:39.666
IV: Wie viele Tage im Voraus? 

200
00:12:39.667 --> 00:12:43.066
HH: Es wurden solche Transportvorladungen ausgetragen.

201
00:12:43.067 --> 00:12:46.666
Das wusste man schon allgemein, das verbreitete sich per stiller Post, 

202
00:12:46.667 --> 00:12:49.666
durch Mundpropaganda, das ahnte man schon, überall wurde davon erzählt...

203
00:12:49.667 --> 00:12:55.366
Denn diese Vorladungen wurden dann von Angestellten der jüdischen Gemeinde ausgetragen.

204
00:12:55.367 --> 00:12:58.499
Na, und das verbreitete sich dann, das wusste man in Prag schon und man sagte: 

205
00:12:58.500 --> 00:13:00.432
„Heute Abend wird ausgetragen.“ 

206
00:13:00.433 --> 00:13:06.032
Wir durften ja sowieso nur... Juden durften nur bis acht Uhr abends hinaus gehen,

207
00:13:06.033 --> 00:13:07.132
also nach acht Uhr.

208
00:13:07.133 --> 00:13:10.432
Und alle diese Sachen, natürlich wurde es ausgetragen, 

209
00:13:10.433 --> 00:13:17.166
all diese Sachen, wahrscheinlich deshalb, damit die psychologische Wirkung noch schlimmer war, 

210
00:13:17.167 --> 00:13:20.399
alle wichtigen Sachen spielten sich dann noch des Nachts ab. 

211
00:13:20.400 --> 00:13:23.332
Also waren wir um acht zu Hause,

212
00:13:23.333 --> 00:13:25.332
saßen da und warteten:

213
00:13:25.333 --> 00:13:26.566
Bringen sie was oder bringen sie nichts?

214
00:13:26.567 --> 00:13:29.699
Jedes Flüstern auf dem Gang, nicht wahr, da sagten wir, Schritte:

215
00:13:29.700 --> 00:13:31.466
„Es kommt hierher, es geht woanders hin...“ 

216
00:13:31.467 --> 00:13:36.566
Na, und dann waren wir dran … Wir haben diese Abende also nicht allzu lange erlebt, 

217
00:13:36.567 --> 00:13:40.166
denn wir waren in einem der ersten Transporte. 

218
00:13:40.167 --> 00:13:44.432
Sie haben geklingelt, und also ein Angestellter der Gemeinde 

219
00:13:44.433 --> 00:13:48.199
brachte uns so einen Streifen Papier, da war aufgeschrieben

220
00:13:48.200 --> 00:13:52.899
der Tag, die Uhrzeit und der Ort, wo wir einzusteigen hatten. 

221
00:13:52.900 --> 00:13:57.566
Das war der Radiopalast oder der Messepalast, jeder nennt das anders,

222
00:13:57.567 --> 00:14:03.466
das waren solche hölzernen Baracken, die als Ausstellungspavillons zum Ausstellungsgelände gehörten. 

223
00:14:03.467 --> 00:14:04.832
Das war der Ort. 

224
00:14:04.833 --> 00:14:08.432
Es war normalerweise ein Tag, es waren so drei Tage,

225
00:14:08.433 --> 00:14:12.666
einer war zur Vorbereitung, und die Uhrzeit war zumeist sehr früh morgens,

226
00:14:12.667 --> 00:14:17.199
zum Beispiel um sechs, an dem und dem Tag hatten wir da und da hinzukommen. 

227
00:14:17.200 --> 00:14:19.366
Wie sah das aus?

228
00:14:19.367 --> 00:14:23.666
Da hatten wir uns alle, eigentlich in allen jüdischen Familien, schon auf den Transport vorbereitet, 

229
00:14:23.667 --> 00:14:30.866
also lag überall lauter Gepäck, man wusste schon, dass wir nur 50 Kilo mitnehmen dürfen.

230
00:14:30.867 --> 00:14:34.932
Und so erinnere ich mich auch daran - wir hatten so eine Waage, ich glaube, Münzwaage haben wir dazu gesagt,

231
00:14:34.933 --> 00:14:37.432
da wurden die schweren Gepäckstücke gewogen, 

232
00:14:37.433 --> 00:14:40.766
wenn man das nicht hätte wiegen können, wir haben das also immer gewogen,

233
00:14:40.767 --> 00:14:45.432
wie viel reinpasst, damit das das erlaubte Gewicht nicht übersteigt. 

234
00:14:45.433 --> 00:14:49.199
Nun, und es wurde gepackt, die Sachen wurden vorbereitet...

235
00:14:49.200 --> 00:14:53.466
Natürlich war es Winter, als wir fuhren, doch wir wussten nicht, für wie lange,

236
00:14:53.467 --> 00:14:55.732
und so nahmen wir auch ein paar Sommersachen mit. 

237
00:14:55.733 --> 00:14:59.999
Schlimmer waren diejenigen dran, die im Sommer fuhren und die sich jetzt in Winterkleidung hüllten. 

238
00:15:00.000 --> 00:15:05.032
Dann auch noch etwas zu essen, also man buk auch noch irgendwelche Kekse und solche Dinge,

239
00:15:05.033 --> 00:15:07.032
die man mitnehmen konnte.

240
00:15:07.033 --> 00:15:11.566
So bereitete man sich in allen Familien auf den Transport vor. 

241
00:15:11.567 --> 00:15:18.232
Ich habe noch vergessen, dass bei der Vorladung uns eine Transportnummer zugeteilt wurde -

242
00:15:18.233 --> 00:15:23.532
jeder Transport war mit einem Buchstaben bezeichnet, das ging nach dem Alphabet, 

243
00:15:23.533 --> 00:15:27.632
nicht wahr, „A“ als erstes, wir waren also in einem der ersten Transporte. 

244
00:15:27.633 --> 00:15:31.332
Das Alphabet lief also, und wir, unser Transport hatte den Buchstaben „L“. 

245
00:15:31.333 --> 00:15:36.399
Und normalerweise gehörten zu einem Transport so um die 1000 Leute, 

246
00:15:36.400 --> 00:15:40.766
und jeder bekam eine Nummer, die Nummer unserer Familie war „L“,

247
00:15:40.767 --> 00:15:44.166
mein Vater hatte die 518, meine Mutter die 519, 

248
00:15:44.167 --> 00:15:47.566
und meine Transportnummer ist die L520.

249
00:15:47.567 --> 00:15:50.266
Das bekamen wir schon bei der Bekanntmachung, 

250
00:15:50.267 --> 00:15:54.866
und diese Transportnummern mussten auch auf allen Gepäckstücken stehen:

251
00:15:54.867 --> 00:15:57.199
 das haben wir mit so Lackfarbe gemacht - 

252
00:15:57.200 --> 00:16:00.799
Ich habe hier sogar, ich kann Ihnen das vielleicht sogar zeigen... {lacht}

253
00:16:00.800 --> 00:16:03.899
Ich hab' so einen kleinen Koffer, ein Original, 

254
00:16:03.900 --> 00:16:06.032
mit dem ich dann nach Theresienstadt kam,

255
00:16:06.033 --> 00:16:11.966
ich hab' den sogar aufgehoben, und dort steht mit Lackfarbe drauf L520.

256
00:16:11.967 --> 00:16:13.499
IV: Da würden wir uns selbstverständlich sehr freuen...

257
00:16:13.500 --> 00:16:22.399
Mit diesem Koffer stellt sich mir noch eine andere Frage, hatten Sie Einfluss darauf, welche persönlichen Sachen Sie mitnehmen?

258
00:16:22.400 --> 00:16:28.132
HH: Nun, ich habe das... ich habe versucht, das zu beeinflussen, aber ich war da natürlich sehr eingeschränkt,

259
00:16:28.133 --> 00:16:33.032
denn in die 50 Kilo musste auch hineinpassen - 

260
00:16:33.033 --> 00:16:35.299
die Kleidung für diese Zeit.

261
00:16:35.300 --> 00:16:40.399
Auch waren zu jener Zeit die Materialien und alles viel schwerer als heute! 

262
00:16:40.400 --> 00:16:46.099
Wir haben sogar... Wenn ich heute mit jungen Leuten rede, dann sage ich ihnen manchmal, wie leicht es für sie wäre, 

263
00:16:46.100 --> 00:16:48.832
denn heute die Materialien...  nicht war, das waren ein schwerer Koffer 

264
00:16:48.833 --> 00:16:52.666
und ein schwerer Rucksack auch für die Kleidung, alles war schwer. 

265
00:16:52.667 --> 00:16:57.199
So gab es keine...  wir haben eine so genannte Bettrolle mitgenommen.

266
00:16:57.200 --> 00:17:01.766
Heute würde jeder einen Schlafsack aus leichtem Material mitnehmen, das gab es damals noch nicht. 

267
00:17:01.767 --> 00:17:04.932
Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Federbetten gesteppt wurden 

268
00:17:04.933 --> 00:17:08.866
und die Bettüberzüge gefärbt wurden, denn wir nahmen an, 

269
00:17:08.867 --> 00:17:11.799
dass man das dort nicht würde waschen können, und so haben wir auch...

270
00:17:11.800 --> 00:17:15.799
Es gab auch kein Material, dass man bügelfreie bunte Bettbezüge bekommen hätte.

271
00:17:15.800 --> 00:17:17.732
Die Leute von heute können sich das gar nicht mehr vorstellen, 

272
00:17:17.733 --> 00:17:21.166
aber so hatten wir die schweren Damastbezüge, 

273
00:17:21.167 --> 00:17:25.666
die wurden eingefärbt, die Decken gesteppt, und dann machten wir solche Rollen, 

274
00:17:25.667 --> 00:17:27.599
Bettrolle haben wir dazu gesagt. 

275
00:17:27.600 --> 00:17:30.832
Nun, und dann habe ich, ich war 12 Jahre alt...

276
00:17:30.833 --> 00:17:32.732
Ich habe nun einmal gern gemalt.

277
00:17:32.733 --> 00:17:37.432
Und so wurde mir erlaubt, eine kleine Schachtel mit Buntstiften mitzunehmen,

278
00:17:37.433 --> 00:17:40.499
und eine Schachtel Wasserfarben und ich glaube einen Block.

279
00:17:40.500 --> 00:17:44.532
Aber ich war 12, aber ich habe damals noch mit Puppen gespielt. 

280
00:17:44.533 --> 00:17:48.999
Ich hatte auch große Puppen, aber da sagte man mir damals, dass das nicht geht, dass ich sie nicht mitnehmen darf. 

281
00:17:49.000 --> 00:17:54.066
Und so wurde mir erlaubt, daran erinnere ich mich noch, da hatte ich zwei so kleine Puppen,

282
00:17:54.067 --> 00:17:56.432
und die nahm ich also mit. 

283
00:17:56.433 --> 00:18:00.699
Und ich erinnere mich sogar daran, dass wir mit meiner Freundin Eva Vohryzková - 

284
00:18:00.700 --> 00:18:03.032
das war ein Mädchen aus einer jüdischen Familie,

285
00:18:03.033 --> 00:18:04.999
mit denen wir später Umgang hatten - 

286
00:18:05.000 --> 00:18:08.566
dass wir dann die Puppen für den Transport vorbereiteten.

287
00:18:08.567 --> 00:18:12.732
Wir machten für sie Rucksäcke und nähten ihnen sogar Transportnummern, 

288
00:18:12.733 --> 00:18:15.699
und ich häkelte ihnen einen Pullover, damit sie etwas Warmes hatten.

289
00:18:15.700 --> 00:18:19.399
Das also erlaubte mir die Familie dann,

290
00:18:19.400 --> 00:18:22.066
und das war gerade der kleine Koffer, 

291
00:18:22.067 --> 00:18:24.032
den ich dann auch selber trug,

292
00:18:24.033 --> 00:18:26.232
und darin waren dann also die Farben 

293
00:18:26.233 --> 00:18:30.799
und die zwei Puppen für den Transport, aber das war alles, mehr konnte ich nicht mitnehmen. 

294
00:18:30.800 --> 00:18:33.699
Vielleicht, und das war wohl wichtig,

295
00:18:33.700 --> 00:18:39.232
nahm jeder in seinem Transportgepäck etwas mit, das für ihn wichtig war. 

296
00:18:39.233 --> 00:18:42.532
Für mich waren zum Beispiel die Buntstifte und wohl auch die Puppen wichtig. 

297
00:18:42.533 --> 00:18:47.366
Aber auch die Erwachsenen haben etwas, also in die 50 Kilo - das war nicht viel -

298
00:18:47.367 --> 00:18:50.132
aber jeder hat sich zumindest ein Buch mitgenommen

299
00:18:50.133 --> 00:18:54.032
oder irgendwelches Notenmaterial und so was,

300
00:18:54.033 --> 00:18:57.466
nun nicht viel, aber so etwas hat jeder mitgenommen.

301
00:18:57.467 --> 00:19:02.866
IV: Soweit ich weiß, ging ihr Transport ins Theresienstädter Ghetto. 

302
00:19:02.867 --> 00:19:07.232
Wie sah das aus, die ersten Momente nach Ihrer Ankunft?

303
00:19:07.233 --> 00:19:12.466
HH: Nun, das war erst einmal so ein Schock, weil wir, man sagte uns, nicht wahr,

304
00:19:12.467 --> 00:19:15.066
 dass die Juden irgendwo konzentriert werden...

305
00:19:15.067 --> 00:19:19.666
Man wählte also Theresienstadt aus, und unsere Vorstellungen waren sehr naiv. 

306
00:19:19.667 --> 00:19:22.832
Und wir waren eigentlich alle sehr glaubwürdig {vertrauensselig}, 

307
00:19:22.833 --> 00:19:28.766
wir haben, nach all den Enttäuschungen immer noch etwas daran geglaubt, was sie uns versprochen haben,

308
00:19:28.767 --> 00:19:31.499
und alles war immer eine Lüge, und alles war anders!

309
00:19:31.500 --> 00:19:35.666
Aber gleich von Beginn an - also haben wir uns vorgestellt, dass wir als Familie hinfahren,

310
00:19:35.667 --> 00:19:38.799
nun, und dann dass wir dort irgendwo leben und arbeiten werden,

311
00:19:38.800 --> 00:19:43.199
dass wir das irgendwie aushalten und überleben, nicht wahr, daran hegte niemand Zweifel, dass er überleben würde. 

312
00:19:43.200 --> 00:19:45.766
Aber gleich nach der Ankunft gab es einen Schock,

313
00:19:45.767 --> 00:19:48.932
weil man gleich nach der Ankunft die Familien auseinander riss.

314
00:19:48.933 --> 00:19:51.666
Die Männer extra, die Frauen extra.

315
00:19:51.667 --> 00:19:57.432
Wir wussten im ersten Moment nicht einmal, ob die Männer am selben Ort sind wie wir. 

316
00:19:57.433 --> 00:19:59.532
Das haben wir aber sehr bald erfahren,

317
00:19:59.533 --> 00:20:03.032
wohl am zweiten oder dritten Tag, dass die Männer in derselben Stadt waren,

318
00:20:03.033 --> 00:20:07.699
 aber in anderen - am Anfang wohnte man in Theresienstadt in Kasernen, 

319
00:20:07.700 --> 00:20:10.999
später wohnte man dann auch in den Häusern,

320
00:20:11.000 --> 00:20:16.766
aus denen in dem halben Jahr der Ghetto-Existenz die Zivilbevölkerung evakuiert worden war.

321
00:20:16.767 --> 00:20:20.732
Also am Anfang nur in Kasernen - meine Mutter und ich in Frauenkasernen,

322
00:20:20.733 --> 00:20:23.099
mein Vater in Männerkasernen,

323
00:20:23.100 --> 00:20:26.732
und wir durften uns nicht treffen, das dauerte noch... 

324
00:20:26.733 --> 00:20:30.332
Das war also das erste, nicht wahr - sie trennten die Familien,

325
00:20:30.333 --> 00:20:37.366
und... weil das alles so war, sind die Vorstellungen einfach völlig zusammengebrochen,

326
00:20:37.367 --> 00:20:40.699
 und wir wussten, dass alles schlimm und ganz anders wird.

327
00:20:40.700 --> 00:20:46.866
IV: Soweit ich weiß, mussten alle Erwachsenen in Theresienstadt auch arbeiten.

328
00:20:46.867 --> 00:20:49.599
Wo haben letztendlich Ihre Eltern gearbeitet?

329
00:20:49.600 --> 00:20:52.166
HH: Nun, in Theresienstadt gab es eine sogenannte Selbstverwaltung. 

330
00:20:52.167 --> 00:20:55.966
Natürlich kamen alle Anordnungen von oben,

331
00:20:55.967 --> 00:21:00.332
von der SS, doch das Interne, das innere Leben, das war so organisiert,

332
00:21:00.333 --> 00:21:02.632
dass ein Ältestenrat, nicht wahr, existierte,

333
00:21:02.633 --> 00:21:05.966
und mein Vater wurde da später eingereiht, er arbeitete in einem Büro,

334
00:21:05.967 --> 00:21:09.532
in so einer Wirtschaftsabteilung. 

335
00:21:09.533 --> 00:21:14.566
All diese Bezeichnungen waren deutsch und wir übersetzen einige davon bis heute nicht. 

336
00:21:14.567 --> 00:21:18.132
Er arbeitete in der Wirtschaftsabteilung 

337
00:21:18.133 --> 00:21:22.432
und meine Mutter arbeitete, weil sie gelernte Näherin war, auch in so einem,

338
00:21:22.433 --> 00:21:25.032
in so einer Schneiderei.

339
00:21:25.033 --> 00:21:32.566
 Zumeist wurden dort zum Beispiel Uniformen für, für die Soldaten und so repariert oder geändert. 

340
00:21:32.567 --> 00:21:35.766
Und ich als... wir als Kinder, am Anfang habe ich nicht gearbeitet, 

341
00:21:35.767 --> 00:21:39.732
ich war 12, doch dann später, so ab 13, 14,

342
00:21:39.733 --> 00:21:42.732
ich weiß nicht, ob das schon die Arbeitspflicht war...

343
00:21:42.733 --> 00:21:47.632
Aber wir konnten und ich arbeitete dann, zumeist arbeiteten die Kinder in der Landwirtschaft,

344
00:21:47.633 --> 00:21:51.499
in solchen Kindergärten, 

345
00:21:51.500 --> 00:21:55.732
oder direkt in der Landwirtschaft draußen, wo auch die Erwachsenen arbeiteten. 

346
00:21:55.733 --> 00:22:00.332
Und das war... da haben wir uns sogar freiwillig dafür entschieden, 

347
00:22:00.333 --> 00:22:07.199
denn das war..., die erste Sache war, dass wir - natürlich war all das Gemüse und das alles, was dort produziert wurde,

348
00:22:07.200 --> 00:22:11.232
für die Deutschen, es herrschte ein strenges Verbot, sich was davon zu nehmen, 

349
00:22:11.233 --> 00:22:15.232
doch trotz allem haben wir irgendwie immer etwas...

350
00:22:15.233 --> 00:22:18.566
Einmal konnten wir es draußen essen, oder auch durchschmuggeln. 

351
00:22:18.567 --> 00:22:21.999
Wir schmuggelten es so an verschiedenen Stellen in der Wäsche versteckt und unter den Kleidern, 

352
00:22:22.000 --> 00:22:24.999
wenigstens die Abfallblätter vom Gemüse,

353
00:22:25.000 --> 00:22:27.699
das war also dann die einzige Vitaminquelle. 

354
00:22:27.700 --> 00:22:30.799
Und vor allem sind wir so auch an die frische Luft gekommen, 

355
00:22:30.800 --> 00:22:35.366
denn sonst waren wir direkt im Ghetto, und dort war das selbstverständlich verseucht,

356
00:22:35.367 --> 00:22:40.866
denn in dieser klitzekleinen Stadt, wo vor dem Krieg zusammen mit den Soldaten,

357
00:22:40.867 --> 00:22:46.199
die in Kasernen wohnten - in den Kasernen wohnten so an die 3500 Soldaten 

358
00:22:46.200 --> 00:22:50.199
und Einwohner in den Häusern gab es wohl auch etwa 3500 -

359
00:22:50.200 --> 00:22:54.199
also in einer kleinen Stadt, die früher für 7000 Einwohner diente, 

360
00:22:54.200 --> 00:22:56.766
waren es auf einmal etwa 60 000, 

361
00:22:56.767 --> 00:23:01.099
die Luft war also nicht zum Atmen und sehr ungesund, 

362
00:23:01.100 --> 00:23:03.232
das war also eine Möglichkeit.

363
00:23:03.233 --> 00:23:08.032
Mein Vater sagte damals: „Ja, melde dich nur, zumindest kommst du an die frische Luft.“

364
00:23:08.033 --> 00:23:12.299
Und so arbeitete ich..., also arbeiteten wir alle, auch ich, in der Landwirtschaft.

365
00:23:12.300 --> 00:23:20.166
IV: Ich weiß über Sie, dass Sie die Farben und Buntstifte wirklich nicht rein zufällig mitgenommen haben...

366
00:23:20.167 --> 00:23:24.232
HH: Nun ja, ich habe gern gemalt, das habe ich gesagt. 

367
00:23:24.233 --> 00:23:28.232
Deshalb habe ich das auch mitgenommen, und auch einen Block.

368
00:23:28.233 --> 00:23:31.766
Die Farben haben sogar, ich war damit sehr sparsam,

369
00:23:31.767 --> 00:23:33.699
ich glaube, für die ganze Zeit gereicht.

370
00:23:33.700 --> 00:23:36.999
Ein Problem gab es später mit dem Papier, aber das haben wir irgendwie...

371
00:23:37.000 --> 00:23:40.199
 Mein Vater hat mir immer irgendwie wieder welches beschafft, wieder von woanders.

372
00:23:40.200 --> 00:23:44.366
Dort war wieder eine andere Zeichenstube, 

373
00:23:44.367 --> 00:23:48.966
wo erwachsene Künstler beschäftigt waren, anfertigten,

374
00:23:48.967 --> 00:23:55.632
die dort auch offizielles Propagandamaterial, verschiedene Plakate und Graphen für die Deutschen anfertigten,

375
00:23:55.633 --> 00:24:01.832
aber sie hatten Zugang zum Material, und sie haben dann, natürlich wieder heimlich, was ganz anderes gezeichnet. 

376
00:24:01.833 --> 00:24:08.032
Aber Material gab es da schon, und von dort bekam ich oder mein Vater immer irgendetwas. 

377
00:24:08.033 --> 00:24:11.699
Na, ich war also 12... und es war Dezember, 

378
00:24:11.700 --> 00:24:16.566
und ich habe gern gemalt, und so habe ich, meine erste kleine Zeichnung, die ich gemacht habe, 

379
00:24:16.567 --> 00:24:19.232
das waren zwei Kinder, die einen Schneemann bauen. 

380
00:24:19.233 --> 00:24:24.699
Und ich habe diese Zeichnung zu meinem Vater in die Männerkaserne geschmuggelt, 

381
00:24:24.700 --> 00:24:28.866
und mein Vater hat mir wieder auf anderem Wege wieder eine Antwort herausgeschmuggelt.

382
00:24:28.867 --> 00:24:32.466
Die Antwort lautete: „Zeichne, was du siehst.“ 

383
00:24:32.467 --> 00:24:36.266
Und das war überhaupt wohl das Entscheidende vielleicht in meinem Leben, 

384
00:24:36.267 --> 00:24:39.299
denn diese Zeichnung eigentlich, dieser Schneemann, 

385
00:24:39.300 --> 00:24:41.932
war meine erste Theresienstädter Zeichnung, 

386
00:24:41.933 --> 00:24:46.032
aber de facto die letzte wirkliche Kinderzeichnung,

387
00:24:46.033 --> 00:24:51.566
denn ab dem Moment habe ich nach dem Rat meines Vaters begonnen,

388
00:24:51.567 --> 00:24:53.966
das alltägliche Leben im Ghetto zu schildern.

389
00:24:53.967 --> 00:24:58.966
Und ich war ziemlich fleißig – ich war fast drei Jahre in Theresienstadt, 

390
00:24:58.967 --> 00:25:02.832
und in den drei Jahren habe ich mehr als 100 Zeichnungen angefertigt. 

391
00:25:02.833 --> 00:25:05.666
Sie beschreiben den Alltag im Ghetto.

392
00:25:05.667 --> 00:25:12.132
Und weil das Filmen und Fotografieren in Theresienstadt verboten war

393
00:25:12.133 --> 00:25:16.066
und es fast kein Bildmaterial aus dieser Zeit gibt,

394
00:25:16.067 --> 00:25:23.332
außer diesen Zeichnungen, die heimlich gerade die erwachsenen Maler gemalt haben,

395
00:25:23.333 --> 00:25:26.032
die also offiziell in der Zeichenstube waren

396
00:25:26.033 --> 00:25:29.132
und heimlich das Theresienstädter Leben beschrieben.

397
00:25:29.133 --> 00:25:34.299
Aber ich als Kind – meine Sicht war natürlich etwas anders, 

398
00:25:34.300 --> 00:25:38.499
und so habe ich auch ein paar Details eingefangen,

399
00:25:38.500 --> 00:25:44.899
 die nirgendwo zu finden sind und die gerade heute ein sehr wichtiges Dokument sind,

400
00:25:44.900 --> 00:25:48.599
 weil sie eben gerade sonst nirgendwo zu finden sind. 

401
00:25:48.600 --> 00:25:52.899
IV: Sie haben auch die erwachsenen Maler erwähnt, 

402
00:25:52.900 --> 00:25:57.666
könnten Sie vielleicht mit einigen Worten etwas zum kulturellen Leben in Theresienstadt sagen?

403
00:25:57.667 --> 00:26:02.599
HH: Das ist sehr schwer, das in einigen Worten kurz zu erwähnen, 

404
00:26:02.600 --> 00:26:07.032
denn das kulturelle Leben in Theresienstadt war so unglaublich reichhaltig

405
00:26:07.033 --> 00:26:08.999
und das Niveau so hoch,

406
00:26:09.000 --> 00:26:17.866
dass sich das wohl nirgendwo anders in der Welt finden lässt, dass auf so kleinem Raum so viel hochwertige Kultur entsteht. 

407
00:26:17.867 --> 00:26:19.732
Das war eine Kultur in allen Richtungen,

408
00:26:19.733 --> 00:26:25.532
es gab Malerei, Theater, verschiedene Kabarette, es gab Konzerte. 

409
00:26:25.533 --> 00:26:29.766
Es gab zahllose Vorträge aus allen Bereichen,

410
00:26:29.767 --> 00:26:34.332
denn nach Theresienstadt kamen alle Juden, vor allem aus Böhmen 

411
00:26:34.333 --> 00:26:38.866
und später auch aus den anderen okkupierten Ländern Europas, 

412
00:26:38.867 --> 00:26:43.732
das heißt es waren dort welche aus Deutschland, aus Dänemark, aus Holland, aus Ungarn, 

413
00:26:43.733 --> 00:26:49.299
und unter ihnen waren doch auch bedeutende Künstler, Wissenschaftler... 

414
00:26:49.300 --> 00:26:53.232
Und so die Wissenschaftler - dann die Vorträge aus allen Bereichen, 

415
00:26:53.233 --> 00:26:57.099
und Musik wurde dort nicht nur aufgeführt, 

416
00:26:57.100 --> 00:26:59.699
in Vorstellungen, in Konzerten,

417
00:26:59.700 --> 00:27:02.666
sondern dort waren auch... Musik wurde dort auch komponiert, 

418
00:27:02.667 --> 00:27:07.632
das heißt dieses Leben war dort bemerkenswert,

419
00:27:07.633 --> 00:27:10.666
und es gab dort so viel Kultur wie nirgendwo auf der Welt.

420
00:27:10.667 --> 00:27:20.132
IV: Sie haben davon gesprochen, dass Juden aus dem ganzen okkupierten Europa nach Theresienstadt gebracht wurden,

421
00:27:20.133 --> 00:27:22.832
herrschten unter ihnen gewisse Unterschiede?

422
00:27:22.833 --> 00:27:28.899
HH: Nun, sicher, bestimmt etwas, denn jedes Volk, jedes Land hat ja seine Unterschiede. 

423
00:27:28.900 --> 00:27:34.066
Wir haben etwas... die Nationalitätengruppen haben etwas zusammengehalten.

424
00:27:34.067 --> 00:27:39.266
Aber etwa... in der Kultur war das... es gab die tschechische Kultur, 

425
00:27:39.267 --> 00:27:42.632
es gab ein tschechisches Theater, ein tschechisches Kabarett, und es gab auch ein deutsches.

426
00:27:42.633 --> 00:27:45.866
Sogar zwei, denn da waren Künstler, nicht wahr, aus Deutschland, 

427
00:27:45.867 --> 00:27:48.799
also gab es deutsches Kabarett, deutsches Theater, tschechisches...

428
00:27:48.800 --> 00:27:53.132
Aber sonst waren wir vermischt, das wurde gemischt, 

429
00:27:53.133 --> 00:27:55.699
aber trotzdem blieben die Gruppen zusammen. 

430
00:27:55.700 --> 00:28:01.366
Ich habe dann als Kind, das war eine der sehr guten Sachen,

431
00:28:01.367 --> 00:28:03.232
die die Selbstverwaltung gemacht hat, 

432
00:28:03.233 --> 00:28:08.066
weil sie sich bemühten, natürlich mussten sie die Anordnungen befolgen,

433
00:28:08.067 --> 00:28:13.866
doch sie bemühten sich, wo sie konnten, nicht wahr, das Leben irgendwie zu lenken 

434
00:28:13.867 --> 00:28:17.732
und vor allem den Kindern das Leben zu erleichtern. 

435
00:28:17.733 --> 00:28:22.399
Es war... sie haben gerade Heime für Kinder eingerichtet, 

436
00:28:22.400 --> 00:28:25.599
Sonderheime - also eines für Jungen, 

437
00:28:25.600 --> 00:28:31.232
ein Mädchenheim und noch ein Heim für die ältere Jugend 

438
00:28:31.233 --> 00:28:33.099
und ein Heim für die ganz Kleinen. 

439
00:28:33.100 --> 00:28:38.399
Und ich kam dann in ein Kinderheim bzw. in das Mädchenheim,

440
00:28:38.400 --> 00:28:43.599
das Mädchenheim L…, weil – Entschuldigung, das ist keine Transportnummer mehr, das „L“,

441
00:28:43.600 --> 00:28:47.132
sondern auch die Straßen waren so benannt, 

442
00:28:47.133 --> 00:28:50.832
weil die Architektur in Theresienstadt sehr nüchtern ist,

443
00:28:50.833 --> 00:28:55.032
 da sind nur solche rechtwinkligen Straßen, 

444
00:28:55.033 --> 00:28:59.266
 die langen hießen also Lange Straße, abgekürzt also „L“, 

445
00:28:59.267 --> 00:29:01.666
und Querstraße „Q“.

446
00:29:01.667 --> 00:29:04.366
Ich wohnte in der Straße L

447
00:29:04.367 --> 00:29:07.499
und unser Heim hatte die Nummer L410, 

448
00:29:07.500 --> 00:29:09.999
das war das Mädchenheim, und dort wohnte ich. 

449
00:29:10.000 --> 00:29:16.099
Und ich wohnte dort gerade mit tschechischen Kindern, mit tschechischen Mädchen. 

450
00:29:16.100 --> 00:29:21.332
Dann war noch nebenan, da war ein anderes Gebäude L414,

451
00:29:21.333 --> 00:29:23.699
und dort wohnten die Kinder aus Deutschland. 

452
00:29:23.700 --> 00:29:28.632
Sie wohnten dort, aber weil dann in L410 nicht mehr genügend Platz für alle war,

453
00:29:28.633 --> 00:29:33.032
 war das dort etwas gemischt, denn dort wohnten auch ein paar tschechische Kinder,

454
00:29:33.033 --> 00:29:35.232
aber vor allem war das für die Kinder aus Deutschland,

455
00:29:35.233 --> 00:29:37.366
aber ich habe in L410 gewohnt,

456
00:29:37.367 --> 00:29:41.866
da haben wir uns nicht gemischt, da waren Kinder, Mädchen aus Böhmen. 

457
00:29:41.867 --> 00:29:46.499
IV: Das Theresienstädter Ghetto wurde während des Krieges auch von einer Internationalen Kommission des Roten Kreuzes besucht.

458
00:29:46.500 --> 00:29:48.166
Haben Sie daran einige Erinnerungen?

459
00:29:48.167 --> 00:29:54.866
HH: Sicher, und das war eigentlich auch der Hauptgrund, warum sich Theresienstadt von den anderen Konzentrationslagern unterscheidet.

460
00:29:54.867 --> 00:29:58.499
Weil das zwar ein Ghetto war, aber im Grunde war es ein Konzentrationslager, 

461
00:29:58.500 --> 00:30:05.032
eingerichtet aber, um die Welt zu blenden.

462
00:30:05.033 --> 00:30:10.132
Dort war gerade dieser Besuch des Roten Kreuzes eingeplant, 

463
00:30:10.133 --> 00:30:15.699
es wurde vorgetäuscht, dass die Juden ihre eigene Stadt haben, 

464
00:30:15.700 --> 00:30:20.299
man sagte sogar, Hitler habe den Juden die Stadt geschenkt. 

465
00:30:20.300 --> 00:30:23.466
Außer dem Besuch des Roten Kreuzes

466
00:30:23.467 --> 00:30:26.232
kam es noch zu einer weiteren wichtigen Begebenheit,

467
00:30:26.233 --> 00:30:29.799
und zwar wurde dort ein Propagandafilm gedreht,

468
00:30:29.800 --> 00:30:34.032
 der eben hieß „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.

469
00:30:34.033 --> 00:30:39.566
Man täuschte vor, dass Theresienstadt eine normal funktionierende Stadt ist, 

470
00:30:39.567 --> 00:30:43.732
wo die Juden normal leben und wo es ihnen gut geht. 

471
00:30:43.733 --> 00:30:49.666
Diesem Besuch ging eine lange Aktion voraus, 

472
00:30:49.667 --> 00:30:52.866
ich sage das deutsch, „Verschönerung der Stadt“,

473
00:30:52.867 --> 00:30:55.699
also das Verschönern der Stadt.

474
00:30:55.700 --> 00:31:00.199
Es wurden genau die Straßen, genau die Orte genau geplant,

475
00:31:00.200 --> 00:31:07.499
die die Kommission besuchen würde, und diese Orte wurden dann entsprechend angepasst und verschönert. 

476
00:31:07.500 --> 00:31:14.899
Zum Beispiel – wir wohnten zum Beispiel in dreistöckigen Hochbetten,

477
00:31:14.900 --> 00:31:19.999
nicht wahr, jeder hatte so einen Meter und 80 Zentimeter zur Verfügung,

478
00:31:20.000 --> 00:31:22.366
das war unser ganzer Lebensraum – 

479
00:31:22.367 --> 00:31:26.366
und damit das genau geplant wurde, wo die Kommission langgeht,

480
00:31:26.367 --> 00:31:30.432
zum Beispiel im Erdgeschoss dieser Straßen, wo sie entlangkommen sollte,

481
00:31:30.433 --> 00:31:33.366
da wurde der dritte Stock dieser Betten abgesägt,

482
00:31:33.367 --> 00:31:37.532
damit man das von draußen nicht sah, wie wir da eingepfercht waren. 

483
00:31:37.533 --> 00:31:40.466
In die Fenster kamen Gardinen, 

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00:31:40.467 --> 00:31:45.132
die Häuser wurden angestrichen, man scheuerte sogar die Bürgersteige,

485
00:31:45.133 --> 00:31:49.766
und es wurden auch ein paar Geschäfte eingerichtet.

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00:31:49.767 --> 00:31:55.999
In Theresienstadt selbst konnten wir natürlich nichts kaufen, Essen bekamen wir aus der Gemeinschaftsküche

487
00:31:56.000 --> 00:31:59.966
und wenn wir uns irgendwann mal irgendwas gekocht haben,

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00:31:59.967 --> 00:32:02.632
 dann war das nur aus irgendwelchen Paketen, 

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00:32:02.633 --> 00:32:05.066
die nach Theresienstadt geschickt werden durften, 

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00:32:05.067 --> 00:32:10.366
vielleicht auch was aus dem Gemüseabfall, den wir mitbrachten und so.

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00:32:10.367 --> 00:32:14.766
Das war nur was zur Aufbesserung, was wir uns irgendwo in der Ecke gekocht haben,

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00:32:14.767 --> 00:32:19.932
aber normalerweise bekamen wir unser Essen aus den Gemeinschaftsküchen. 

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00:32:19.933 --> 00:32:25.532
Es gab keine Läden, aber es wurde

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00:32:25.533 --> 00:32:29.099
dafür Theresienstädter Geld gedruckt – Ghettogeld,

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00:32:29.100 --> 00:32:34.332
das waren Papierschnipsel, völlig ohne Wert, dafür konnte man sich nichts kaufen, 

496
00:32:34.333 --> 00:32:39.466
aber es sollte so aussehen, als könne man sich für das Ghettogeld in dem Laden was kaufen. 

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00:32:39.467 --> 00:32:42.132
Und so wurden mehrere Geschäfte eingerichtet:

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00:32:42.133 --> 00:32:46.999
es gab da ein Koffergeschäft, einen Bekleidungsladen, 

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00:32:47.000 --> 00:32:53.399
dann gab es sogar einen Laden, so eine Drogerie und einen Lebensmittelladen. 

500
00:32:53.400 --> 00:32:55.966
Ich weiß nicht, ob es noch ein paar andere waren. 

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00:32:55.967 --> 00:32:59.466
Waren gab es freilich nicht – solche Sachen wurden so gelöst,

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00:32:59.467 --> 00:33:03.566
dass einem Transport das Gepäck weggenommen wurde,

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00:33:03.567 --> 00:33:06.299
und die Koffer kamen dann in die Geschäfte, 

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00:33:06.300 --> 00:33:09.199
dann kam die Bekleidung in die Geschäfte,

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00:33:09.200 --> 00:33:13.166
und eventuell auch noch ein paar Zahnbürsten oder so etwas,

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00:33:13.167 --> 00:33:17.399
und man konnte dann für diese... Bons waren das eigentlich,

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00:33:17.400 --> 00:33:24.832
das waren die Gutscheine, das Ghettogeld, zum Beispiel seine eigene Zahnbürste kaufen,

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00:33:24.833 --> 00:33:27.399
oder die eigene Kleidung, die man dort eventuell fand. 

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00:33:27.400 --> 00:33:28.999
So funktionierte das. 

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00:33:29.000 --> 00:33:32.999
Dann war sogar – Schule war verboten, 

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00:33:33.000 --> 00:33:36.866
darüber haben wir schon vorher gesprochen, das war schon vor den Transporten verboten. 

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00:33:36.867 --> 00:33:40.866
Natürlich war in Theresienstadt auch der Unterricht streng verboten.

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00:33:40.867 --> 00:33:48.199
Trotzdem funktionierte er heimlich weiter, aber darüber können wir ein andermal sprechen, ich weiß nicht wie viel Zeit wir haben, 

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00:33:48.200 --> 00:33:54.266
aber der Kommission wurde vorgetäuscht, dass, wenn das eine normale Stadt ist, auch eine Schule existieren muss,

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00:33:54.267 --> 00:33:57.066
die in Wirklichkeit verboten war,

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00:33:57.067 --> 00:34:01.899
und so brachte man an einem Gebäude die Aufschrift  „Knaben- und Mädchenschule“ an - 

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00:34:01.900 --> 00:34:04.066
Knaben- und Mädchenschule.

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00:34:04.067 --> 00:34:10.332
Doch es gab keine Schüler, nicht wahr, das löste man auf so eine salomonische Art,

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00:34:10.333 --> 00:34:15.266
dass Ferien waren, also zufällig, 

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00:34:15.267 --> 00:34:18.066
als die Kommission kam, waren eben Ferien.

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00:34:18.067 --> 00:34:24.066
Das also war die Aktion Internationale Kommission des Roten Kreuzes, 

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00:34:24.067 --> 00:34:27.766
und wenn schon alles so verschönert und vorbereitet war,

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00:34:27.767 --> 00:34:34.032
da nutzte man das auch gleich für den Dreh des Propagandafilms „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.

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00:34:34.033 --> 00:34:36.199
IV: Sie haben erwähnt...

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00:34:36.200 --> 00:34:40.867
CM: Das lassen wir für die nächste Kassette...

