WEBVTT

1
00:00:00.633 --> 00:00:03.699
CM: Kamera läuft.

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00:00:03.700 --> 00:00:15.366
MA: Es ist heute Freitag, der 24. April 2015. Wir sind in Weiden im Hotel Admira. Und wir sprechen heute mit Mieczysław Ciechoński.

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00:00:15.367 --> 00:00:28.132
Er wurde am 02.11.1926 in Pułtusk in Polen geboren. Und nach dem Warschauer Aufstand kam er nach dem Durchgangslager Pruszków äh nach Flossenbürg.

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00:00:28.133 --> 00:00:42.732
Registriert wurde er am 07.09.1944. Seine Haftnummer war 22747.

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00:00:42.733 --> 00:00:51.499
Herr Ciechoński, wenn Sie heute den Namen Flossenbürg hören, was geht Ihnen da als Erstes durch den Kopf, was kommt da Ihnen in den Sinn?

6
00:00:51.500 --> 00:01:02.066
IV: Wenn Sie heute den Namen Flossenbürg hören, was fällt Ihnen dazu ein? Welche Gedanken drängen sich auf?

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00:01:02.067 --> 00:01:21.566
MC: Ehrlich gesagt, ich dachte nicht, dass ich dieses Alter erreiche und dass ich 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers nach Flossenbürg kommen kann.

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00:01:21.567 --> 00:01:48.732
Ich bin 1926 geboren, was damit verbunden ist, dass ich unterschiedliche Erkrankungen habe. Außerdem habe ich einen Herzschrittmacher.

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00:01:48.733 --> 00:02:03.166
Ich trage ein Hörgerät. Mein rechtes und mein linkes Ohr sind durch einen Kapo im Lager beschädigt worden.

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00:02:03.167 --> 00:02:14.799
Als ich jung war, wollte ich mich keiner OP unterziehen. Mein rechtes Ohr ist fast komplett taub.

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00:02:14.800 --> 00:02:30.932
Mein Hörgerät ist sehr stark. Da ich nur mit einem Ohr höre, muss das linke Mehrarbeit leisten und ist deswegen überlastet. Das Hörgerät im linken Ohr ist etwas schwächer.

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00:02:30.933 --> 00:03:01.932
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

13
00:03:01.933 --> 00:03:12.099
MA: Was war eben der Grund, dass nach so vielen Jahren, nach 70 Jahren, dass Sie sich entschieden haben, hier an diesen schrecklichen Ort noch einmal zurückzukommen?

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00:03:12.100 --> 00:03:23.699
IV: Was war der Grund, warum Sie nach 70 Jahren in das ehemalige KZ zurückkehren?

15
00:03:23.700 --> 00:03:48.766
MC: Ich werde nicht verheimlichen, dass ich am Denkmal meiner Kameraden gedenken will, die hier für immer zurückgeblieben sind.

16
00:03:48.767 --> 00:04:06.632
Das ist für mich umso wichtiger, weil ich einer der Organisatoren des Flossenbürger Kreises der ehemaligen KZ-Häftlinge bin.

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00:04:06.633 --> 00:04:17.232
Als wir den Kreis gründeten, waren wir circa 141 Personen.

18
00:04:17.233 --> 00:04:31.799
Aktuell kommen zu den Sitzungen vierzehn, fünfzehn oder zwanzig Mitglieder. Die sind noch mobil.

19
00:04:31.800 --> 00:04:39.366
Es gibt aber auch Mitglieder, die aufgrund der Gesundheit nicht mehr selbständig und mobil sind.

20
00:04:39.367 --> 00:04:48.566
Sie trauen sich nicht, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Sitzungen zu kommen.

21
00:04:48.567 --> 00:05:01.232
Wir hatten monatliche Begegnungen. Zu bestmmten Zeiten waren wir sehr aktiv und sind in großen Gruppen hierher gekommen.

22
00:05:01.233 --> 00:05:14.599
Wir waren nicht nur 15 Personen, wie heutzutage, sondern eine größere Gruppe. Sie wissen es selbst. Zum ersten Mal kamen wir 1995 in das ehemalige KZ.

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00:05:14.600 --> 00:05:24.999
Wir kamen zum ersten Mal hierher. Damals wurde es vom Kolbe-Werk organisiert, wenn ich mich richtig erinnere.

24
00:05:25.000 --> 00:05:38.499
Ich erinnere mich gut an die Begegnung hier. In der Kapelle wurde eine Messe gehalten.

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00:05:38.500 --> 00:05:49.532
Die Messe hat ein Bischof zelebriert, ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen.

26
00:05:49.533 --> 00:06:01.099
Wir kamen mit einem großen Reisebus und wir waren etwa 60 Personen.

27
00:06:01.100 --> 00:06:18.732
Wir haben auf Polnisch Fürbitten gelesen und am Ende segnete uns der Bischof und überreichte jedem von uns...

28
00:06:18.733 --> 00:06:33.366
Er überreichte jedem von uns eine Rose. Unsere Namen und die Häftlingsnummern wurden vorgelesen. Wir alle haben auch Andenken über die Begegnung in der Gedenkstätte bekommen.

29
00:06:33.367 --> 00:06:44.732
Es war das erste Treffen von uns nach dem Krieg. Im Laufe der Jahre kamen wir immer wieder nach Flossenbürg.

30
00:06:44.733 --> 00:06:56.766
Wir haben uns in Warschau organisiert, weil wir alle in Warschau lebten.

31
00:06:56.767 --> 00:07:20.432
Wir begannen, uns zu treffen. Unsere Kollegen konnten gut deutsch. Mit Hilfe des Bayerischen Landtages

32
00:07:20.433 --> 00:07:38.199
entstand eine Stiftung, die eine Gedenkstätte an diesem Ort ins Leben rufen sollte. Ich erinnere mich gut daran.

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00:07:38.200 --> 00:07:50.932
Seit dieser Zeit wurden die Treffen organisiert. Auch unser Verband hat sich organisiert.

34
00:07:50.933 --> 00:08:06.732
Nach einer gewissen Zeit, vielen Renovierungsarbeiten und Baumaßnahmen ist es gelungen, diese Gedenkstätte aufzubauen.

35
00:08:06.733 --> 00:08:26.232
In der Gedenkstätte wurden Teile des Lagers erhalten, die noch ans KZ erinnern.

36
00:08:26.233 --> 00:08:41.666
Beim Aufbau hat unser Verband die Gedenkstätte sehr unterstützt. Wir haben Fotografien, Erinnerungsberichte und Lebensläufe unserer Kameraden der Gedenkstätte zur Verfügung gestellt.

37
00:08:41.667 --> 00:08:54.199
Es gibt eine ganze polnische Seite in der Gedenkstätte. Dort kann man auch die Handapparate einsehen. Darin sind Materialien zu den ehemaligen KZ-Häftlingen enthalten.

38
00:08:54.200 --> 00:09:06.832
Im Laufe der Jahre, während unserer Begegnungen, wurden mit uns Interviews geführt. Auch Bücher wurden über uns auf Deutsch geschrieben.

39
00:09:06.833 --> 00:09:21.699
Ich selbst habe auch zwei Bücher von einem Journalisten, der mich interviewte {lacht}. Es gibt ein Buch auf Deutsch. Im Buch schreiben sie über uns.

40
00:09:21.700 --> 00:09:33.899
In der letzten Zeit sind sehr viele Kameraden von uns gegangen.

41
00:09:33.900 --> 00:09:42.499
Beim Überlebendentreffen zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg waren wir noch eine größere Gruppe.

42
00:09:42.500 --> 00:09:53.632
Ein Teil unserer Kollegen aus dem Vorstand ist bereits verstorben. Aus dem Vorstand sind nur noch vier oder fünf Personen am Leben.

43
00:09:53.633 --> 00:10:00.699
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

44
00:10:00.700 --> 00:10:02.566
MC: Ist es gut, wie ich erzähle?

45
00:10:02.567 --> 00:10:54.499
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

46
00:10:54.500 --> 00:10:55.499
MC: Kann ich so weiter machen?

47
00:10:55.500 --> 00:10:57.566
IV: Er fragt gleich.

48
00:10:57.567 --> 00:11:01.232
MC: Aber ist es gut, wie ich erzähle?

49
00:11:01.233 --> 00:11:04.366
IV: Es ist gut, aber vielleicht könnten Sie etwas lauter und deutlicher sprechen.

50
00:11:04.367 --> 00:11:05.432
MC: Lauter? Gut.

51
00:11:05.433 --> 00:11:13.132
MA: Vielleicht einfach mal fragen, wie ist das Gefühl, wenn er in Flossenbürg jetzt wieder ist? Wie geht es ihm da?

52
00:11:13.133 --> 00:11:23.199
IV: Herr Auer interessiert sich für die Frage, wie Sie sich bei der Ankunft in Flossenbürg gefühlt haben? Welche Gefühle haben Sie?

53
00:11:23.200 --> 00:11:51.866
MC: Ich kann folgende Gefühle haben: Ich kann mich nur bei den Deutschen bedanken, die, die Gedenkstätte leiten und aufbauen.

54
00:11:51.867 --> 00:12:06.066
Ich will mich bedanken für den Zustand, in dem die Gedenkstätte jetzt ist. Es ist ein Vermächtnis an die zukünftige Generation, wie die Menschen zu anderen Menschen nicht sein dürfen.

55
00:12:06.067 --> 00:12:26.299
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

56
00:12:26.300 --> 00:12:32.499
MA: Ok. Dann fangen wir an mit der Geschichte. Kindheit, Jugend, wo er aufgewachsen ist...

57
00:12:32.500 --> 00:12:42.166
IV: Wir fangen vom Anfang an. Erzählen Sie, wo Sie geboren wurden, über Ihre Kindheit, über Ihr Elternhaus, über Ihre Schule.

58
00:12:42.167 --> 00:12:56.232
MC: Ich bin im November 1926 geboren. Meine Mutter war Schneiderin und Vater war Gärtner.

59
00:12:56.233 --> 00:13:16.799
Anfangs arbeitete mein Vater als Gärtner bei den Großgrundbesitzern, in der Nähe von Włocławek. Heute ist es die Woiwodschaft Kujawien-Pommern.

60
00:13:16.800 --> 00:13:32.032
Aber in den 1930er Jahren, vielleicht 1932, 1933 oder 1934...

61
00:13:32.033 --> 00:13:48.066
übersiedelten meine Eltern mit Unterstützung der Familie meiner Mutter nach Warschau.

62
00:13:48.067 --> 00:14:04.099
Ich begann meine Lehrjahre. Wir bekamen eine Wohnung in der Targówek-Siedlung. Es war eine Siedlung außerhalb des Stadtgebiets Warschaus.

63
00:14:04.100 --> 00:14:16.066
Aber es war schon der Warschau-Landkreis. Dort gab es eine Schule. Mein Vater wurde bei der Stadt Warschau angestellt

64
00:14:16.067 --> 00:14:32.866
und betreute mehrere Schulgärten. Es war so bis 1939.

65
00:14:32.867 --> 00:14:50.166
Es gab dort eine Volksschule in Targówek. Nach dem Schulabschluss begann 1939 die Besatzungszeit.

66
00:14:50.167 --> 00:15:07.832
Ich besuchte 7 Klassen der Volksschule und begann danach ein Praktikum in einer Möbelschreinerei.

67
00:15:07.833 --> 00:15:28.032
In den Möbeln wurden Geheimfächer für Dokumente eingebaut.

68
00:15:28.033 --> 00:15:29.399
IV: Sind Sie... (???)

69
00:15:29.400 --> 00:15:45.132
MC: In den Geheimfächern wurden Waffen und Flugblätter versteckt. Diese Geheimfächer bauten wir in alle Möbelstücke ein: in Schränken, Schubladen, Schreibtischen, sogar in Nudelwalzen.

70
00:15:45.133 --> 00:16:01.599
In der Nudelwalze war in der Mitte ein Versteck für die Flugblätter.

71
00:16:01.600 --> 00:16:23.499
All dies haben wir für die Widerstandsorganisation hergestellt. Es dauerte bis 1944. 1944 waren ich und mein Bruder Mitglieder bei den Pfadfindern.

72
00:16:23.500 --> 00:16:33.666
Wir waren zu dritt. Ich war der älteste, mein Bruder war ein Jahr jünger und meine Schwester zwei Jahre jünger als ich. Beide sind bereits verstorben.

73
00:16:33.667 --> 00:16:45.766
Als erster habe ich die Arbeitsstellte bekommen und bat meinen Meister, auch meinen Bruder in der Werkstatt einzustellen.

74
00:16:45.767 --> 00:16:57.832
Mein Bruder war zwei Jahre jünger als ich. Diese Schreinerwerkstatt wurde von der Staszic-Stiftung geführt.

75
00:16:57.833 --> 00:17:24.732
Es war Anfang Juli 1944. Meine Mutter wusste nichts davon, dass mein Bruder und ich als Pfadfinder einen Befehl bekamen, nach Warschau in die Altstadt zu gehen.

76
00:17:24.733 --> 00:17:38.399
Wir gingen nach Warschau in die Altstadt. In der Altstadt in der Krzywe-Koła-Straße wohnte der Bruder meiner Mutter.

77
00:17:38.400 --> 00:17:50.199
Ich bekam eine Anweisung, dass wir beide während des Aufstandes in der Altstadt Verbindungsglieder sind.

78
00:17:50.200 --> 00:18:00.799
Den ganzen Warschauer Aufstand verbrachte ich mit meinem Bruder in der Altstadt als Verbindungsglieder zwischen unterschiedlichen Brigaden.

79
00:18:00.800 --> 00:18:13.032
Es waren paramilitärische Brigaden. Es war am 2. September 1944 in der Ausfallstraße von der Altstadt.

80
00:18:13.033 --> 00:18:32.399
An diesem Tag gingen ich, mein Bruder und mein Cousin zusammen. Plötzlich standen vor uns drei große Männer in SS-Uniformen. Es waren Letten.

81
00:18:32.400 --> 00:18:48.966
Sie führten uns auf den Marktplatz zum Schlossplatz. Von da trieben uns die Wehrmacht-Soldaten, glaube ich, in grünen Uniformen weiter.

82
00:18:48.967 --> 00:19:05.166
Wir gingen zu Fuß nach Pruszków. Nach zwei Tagen kam ich, denke ich, am 7. September 1944 aus Pruszków mit einem Transport nach Flossenbürg.

83
00:19:05.167 --> 00:19:15.399
IV: Wenn ich kurz unterbrechen darf... Es gab keinen Verhaftungsgrund? Wie wurden Sie verhaftet?

84
00:19:15.400 --> 00:19:31.166
MC: Vielleicht war es der Grund, dass mein Bruder und ich Armbinden trugen. Damals wurden die Jungen in diesem Alter von den Militärs nicht ernst genommen.

85
00:19:31.167 --> 00:19:44.499
Es war am 2. September 1944. Dort waren alle junge Menschen Feinde für die Uniformträger. So haben wir es gesehen.

86
00:19:44.500 --> 00:19:53.199
Die SS-Männer haben drei junge Menschen gesehen.

87
00:19:53.200 --> 00:19:56.066
IV: Erzählen Sie bitte, wie... (???)

88
00:19:56.067 --> 00:20:09.766
MC: Mein Cousin war ein Pfadfinderführer. Wir gingen zu dritt und hatten große Taschen dabei.

89
00:20:09.767 --> 00:20:21.466
In den Taschen hatten wir Informationen der Aufstandsführung. Wir haben es nicht mehr geschafft, sie an die richtige Stelle zu befördern.

90
00:20:21.467 --> 00:20:32.866
Mein Cousin hatte eine Pistole dabei. Mein Bruder und ich hatten keine Waffen.

91
00:20:32.867 --> 00:20:44.999
Wir drei hatten viele Militärdokumente dabei.

92
00:20:45.000 --> 00:21:03.699
Wir sollten diese Dokumente von der Piwna-Straße zur Freta-Straße 16 bringen, wo die Aufstandsführung ihren Sitz hatte.

93
00:21:03.700 --> 00:21:21.066
In der Piwna-Straße war der Sitz einer Brigadenführung und in der Mostowa-Straße die Führung von einer anderen Brigade.

94
00:21:21.067 --> 00:21:27.232
Zwischen ihnen gab es keine Telefonverbindung. Damals gab es auch keine Handys.

95
00:21:27.233 --> 00:21:36.532
Die Informationen wurden von jungen Frauen per Hand geschrieben, aber in der Piwna-Straße gab es sogar eine Schreibmaschine.

96
00:21:36.533 --> 00:21:44.666
Es gab da ein Mädchen und es schrieb die Dokumente. Wir sollten diese Dokumente dorthin bringen. Wir hatten in unseren Taschen drei oder vier Exemplare.

97
00:21:44.667 --> 00:21:55.766
Mein Cousin war fünf Jahre älter als ich und hatte eine Pistole dabei. Mein Bruder Jurek und ich hatten Dokumente.

98
00:21:55.767 --> 00:22:12.466
Mein Cousin hatte eine Uniform eines Pfadfinderführers. Ich hatte keine mehr, weil sie in der Kiliński-Straße während es Aufstandes zerrissen wurde.

99
00:22:12.467 --> 00:22:22.266
Es gab dort einen kleinen Panzer, der in die Luft gejagt wurde. Ich stand sehr nahe dran und meine Uniform wurde zerrissen.

100
00:22:22.267 --> 00:22:34.366
Ich habe von meinem Onkel andere Kleidung bekommen und in dieser Kleidung wurde ich...

101
00:22:34.367 --> 00:23:06.966
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

102
00:23:06.967 --> 00:23:23.132
MA: Dass Sie vielleicht auch noch fragen ob der Bruder (???) und wie sozusagen der Weg nach Flossenbürg (???), auch die Behandlung, so ein bisschen wie es ihm ging. Und auf welchem Weg sie nach Flossenbürg...

103
00:23:23.133 --> 00:23:38.832
IV: Erzählen Sie bitte, wie die Verhaftung aussah. Wie wurden Sie verhaftet und wie verlief der Transport nach Flossenbürg?

104
00:23:38.833 --> 00:23:52.099
MC: Die SS-Männer haben uns mit einer bestimmenden und energischen Stimme angesprochen.

105
00:23:52.100 --> 00:24:04.266
Es waren Letten und sie haben gebrochenes Russisch gesprochen. Der eine hat uns sehr laut angeschrien, als er meinem Cousin die Waffe abnahm.

106
00:24:04.267 --> 00:24:12.666
Als er die Dokumente wegriss, schrie er: "Konspirat... Konspirat... Bandit."

107
00:24:12.667 --> 00:24:30.132
Sie begleiteten uns bis zum Schlossplatz. Dort waren bereits Soldaten in grünen Uniformen. Es waren keine SS-Uniformen, sondern grüne. Uniformen. Sie stellten uns in Reihen.

108
00:24:30.133 --> 00:24:47.699
In diesen Reihen gingen wir dann nach Pruszków. Auf dem Weg beobachtete ich einen jungen Offizier in grüner Wehrmachtsuniform.

109
00:24:47.700 --> 00:25:01.866
Er hat nicht schlecht Polnisch gesprochen. In den Reihen waren junge Leute, aber auch Menschen im Alter meiner Eltern.

110
00:25:01.867 --> 00:25:16.732
Es gab auch Frauen, Kinder, verschiedene... Er befahl uns, zu schweigen und nicht darüber zu reden und meinte, dass wir keine Angst haben sollten. Er sagte, dass wir nach Pruszków gingen.

111
00:25:16.733 --> 00:25:29.466
Er sagte weiter, nach der Erholung in Pruszków werden wir nach Deutschland fahren und es wird uns gut gehen.

112
00:25:29.467 --> 00:25:39.832
In dem Transport fuhren wir gemeinsam mit diesem Offizier bis zum Ende. 

113
00:25:39.833 --> 00:25:46.999
Er erzählte uns, dass wir in den Süden Frankreichs zur Weinlese fahren.

114
00:25:47.000 --> 00:25:58.599
Als andere Menschen, vor allem Ältere und Frauen das gehört haben, haben sie sich sehr gefreut, dass es uns dort gut gehen würde.

115
00:25:58.600 --> 00:26:01.999
IV: Entschuldigung, wer hat gesagt, dass Sie nach Frankreich fahren?

116
00:26:02.000 --> 00:26:04.766
MC: Dieser Offizier in grüner Uniform, der Polnisch sprach.

117
00:26:04.767 --> 00:26:05.299
IV: War es ein Deutscher?

118
00:26:05.300 --> 00:26:17.066
MC: Er war ein Deutscher und Soldat. Er hat schlechtes Polnisch gesprochen und gedolmetscht.

119
00:26:17.067 --> 00:26:28.099
Die Zustände waren chaotisch, es gab Schreie und ein großes Durcheinander. Frauen, Alte und Kinder wussten nicht, was zu tun ist.

120
00:26:28.100 --> 00:26:38.532
Als wir in Pruszków waren, war uns nicht klar, was uns erwarten würde. Wir haben uns etwas erholt und haben sogar eine Schüssel Nudeln bekommen.

121
00:26:38.533 --> 00:26:49.099
Jeder hat etwas zu Essen bekommen und dann sind wir in den Zug gestiegen. Es waren Güterwaggons.

122
00:26:49.100 --> 00:26:59.266
Den ersten Halt machten wir bei Legnica. Damals wusste ich es nicht, ich sah es erst nach dem Krieg. 

123
00:26:59.267 --> 00:27:12.332
Auf dem Bahnhof in Legnica haben wir wieder eine kleine Schüssel mit warmen Nudeln bekommen. Wir haben es gegessen.

124
00:27:12.333 --> 00:27:21.366
Danach fuhren wir weiter und kamen in Flossenbürg an. Es war am 7. September in den späten Abendstunden.

125
00:27:21.367 --> 00:27:22.566
IV: Wie verlief der Transport?

126
00:27:22.567 --> 00:27:23.032
MC: Ja.

127
00:27:23.033 --> 00:27:23.499
IV: Wie viele Personen waren im Transport?

128
00:27:23.500 --> 00:27:31.999
MC: In diesem Waggon waren große Mengen von Menschen. Ich weiß aber nicht, wie viele dort Platz hatten. Wir hatten dort keine freien Stellen.

129
00:27:32.000 --> 00:27:39.366
Die jungen Menschen konnten nur auf dem Boden sitzen.

130
00:27:39.367 --> 00:27:46.666
Wir sind auch gestanden. Aber es war nicht so eng, dass wir nicht sitzen konnten. Wir haben uns hingesetzt.

131
00:27:46.667 --> 00:27:48.566
IV: Haben Sie unterwegs Essen bekommen?

132
00:27:48.567 --> 00:28:01.999
MC: Ich habe bereits erzählt, dass wir das letzte Mal in Legnica etwas zum Essen bekommen haben. Der Zug hielt nicht mehr an und wir sind in Flossenbürg angekommen.

133
00:28:02.000 --> 00:28:05.766
IV: Wie sah die Ankunft in Flossenbürg aus?

134
00:28:05.767 --> 00:28:13.899
MC: Es war am späten Nachmittag. Es war bereits etwas dämmerlich. So sah die erste Begegnung  mit Flossenbürg aus.

135
00:28:13.900 --> 00:28:28.432
Die erste Begegnung {macht eine Handbewegung} war mit vielen Uniformierten, die geschrien haben und mit Gewehren dastanden.

136
00:28:28.433 --> 00:28:40.899
Unter Bewachung kamen wir hier auf das Lagergelände. Da, wo sich jetzt die Gedenkstättenleitung befindet, war früher die Lagerverwaltung.

137
00:28:40.900 --> 00:28:49.099
Die Lagerverwaltung war gleich am Anfang. Wir wurden aufgenommen. Nein, Entschuldigung. Ich habe es verwechselt.

138
00:28:49.100 --> 00:29:03.232
Als wir abends ankamen, gingen wir nach links. Da stand eine Baracke, 23 oder 24. Nein, es war keine Baracke, es war ein eingezäunter Platz, auf dem wir standen.

139
00:29:03.233 --> 00:29:14.799
Wir alle, Frauen und Männer standen dort. Dieser deutsche Offizier, der Polnisch sprach, kam nochmals zu uns und sagte uns, dass wir angekommen seien.

140
00:29:14.800 --> 00:29:32.966
Wir sind hierher gekommen, um uns zu desinfizieren, uns zu waschen und anzuziehen. Danach würden wir weiter zur Weinlese nach Südfrankreich fahren.

141
00:29:32.967 --> 00:29:49.966
Manche versuchten, Dokumente zu behalten. Es kamen immer mehr Häftlinge.

142
00:29:49.967 --> 00:30:02.832
Wenn ein Häftling an der Reihe war und Wertsachen dabei hatte, musste er alles abgeben. Es waren darunter Menschen, die Eheringe, Armbanduhren oder sogar Geld dabei hatten.

143
00:30:02.833 --> 00:30:18.099
Am nächsten Morgen kam ein Häftling und fragte, wie wir uns hier führen sollten. Er traute sich zu fragen.

144
00:30:18.100 --> 00:30:28.032
Dann sagte einer zu ihm: "Ich habe es Ihnen doch gesagt, dass hier nur Verbrecher sind. Sie hätten (???) sollen.. Ich habe Sie gewarnt. Ich überprüfe es jetzt".

145
00:30:28.033 --> 00:30:40.166
Er hatte eine Pfeife und es kam ein deutscher Soldat und der Offizier bekam einen Befehl und kehrte dann zurück.

146
00:30:40.167 --> 00:30:48.599
Er sagte zu uns: "Wissen Sie, hier gibt es kein Zurück. Ich sagte Ihnen, dass hier Verbrecher einsitzen".

147
00:30:48.600 --> 00:31:03.166
Wir haben geglaubt, was man uns vorher erzählt hat. Danach wurden Frauen mit Kindern abgeführt und die Männer stellten sich auf die andere Seite.

148
00:31:03.167 --> 00:31:04.499
IV: War das noch in Pruszków?

149
00:31:04.500 --> 00:31:09.332
MC: Es war schon am nächsten Morgen in Flossenbürg.

150
00:31:09.333 --> 00:31:11.766
IV: Sind Frauen auch nach Flossenbürg gekommen?

151
00:31:11.767 --> 00:31:17.632
MC: Auch Frauen sind nach Flossenbürg gekommen. Von Flossenbürg wurden sie weiter überstellt.

152
00:31:17.633 --> 00:31:31.499
Aber ich kann nicht mehr sagen, ob die Frauen vor den Männer oder umgekehrt registriert wurden. Aber ich glaube, dass die Frauen nach der Registrierung woandershin überstellt wurden.

153
00:31:31.500 --> 00:31:39.799
Wir haben nicht gewusst, wohin. Die Registrierung sah so aus: Es gab da zwei lange Tische {macht Handbewegung}, an denen Soldaten saßen.

154
00:31:39.800 --> 00:31:55.666
Jeder bekam einen großen und einen kleinen Sack. Man musste Angaben zum Namen, Wohnort, Alter und Geburtstag machen.

155
00:31:55.667 --> 00:32:07.899
Alle Personalien mussten wir angeben. Es wurde aufgeschrieben. In den großen Sack sollten wir unsere Kleidung reinlegen, in den kleinen unsere Wertsachen.

156
00:32:07.900 --> 00:32:19.566
Wenn jemand Wertsachen dabei hatte, bekamen wir eine Nummer und uns wurde gesagt, dass wir mit dieser Nummer unsere Gegenstände zurückbekämen. Es wurde quittiert.

157
00:32:19.567 --> 00:32:29.499
{macht Handbewegung} Wir gingen an den Tischen weiter und mussten dann anhalten und uns ausziehen und die Kleidung abgeben.

158
00:32:29.500 --> 00:32:41.466
Als wir nackt da standen, kam ein junger Mann und rasierte uns alle Körperhaare ab.

159
00:32:41.467 --> 00:32:55.499
Es gab da eine Tür, jetzt ist sie nicht mehr da. Dort war eine "Mykve" und wir gingen in den großen Saal hinein. Als wir den ganzen Raum füllten,

160
00:32:55.500 --> 00:33:07.466
kam Wasser aus den Düsen in der Decke. Alle haben geschrien. Es war bereits Abend und wir wussten nicht, was vor sich geht. Später haben wir es erfahren.

161
00:33:07.467 --> 00:33:29.766
{hustet}. Wir haben alle geschrien. Bis zum nächsten Morgen kam abwechselnd kaltes und heißes Wasser. Morgens haben wir tatsächlich den Sack bekommen, aber nicht mehr den kleinen.

162
00:33:29.767 --> 00:33:39.732
Wir haben aber nicht mehr unsere Kleidung bekommen, sondern eine von Anderen. Wir hatten Zivilbekleidung {zeigt auf die Brust}, die bemalt war.

163
00:33:39.733 --> 00:33:57.399
Es gab eine bemalte Jacke und Schuhe. Es waren nromalerweise Holzschuhe, mit einer Holzsohle und einem Stoff darüber.

164
00:33:57.400 --> 00:34:07.532
Wir bekamen Nummern, die wir annähen mussten.

165
00:34:07.533 --> 00:34:23.566
Als wir die Kleidung angezogen hatten, kam ein Soldat und teilte uns in die Baracken ein. Ich kam in die Baracke Nr. 19 für die Jugendlichen.

166
00:34:23.567 --> 00:34:36.766
Links schlief der Schreiber und rechts der Blockälteste. Ich habe einen Platz auf der linken Seite bekommen.

167
00:34:36.767 --> 00:34:51.932
Ich bekam einen Platz links und es war der erste Abend und wir kriegten eine Scheibe Brot mit etwas Sülze.

168
00:34:51.933 --> 00:35:08.232
Es war vielleicht Sülze. Ich bekam eine Pritsche und ich dachte, ich schlafe jetzt und werde dieses Brot am nächsten Morgen essen. Als ich morgens aufwachte, war das Brot natürlich weg {lacht}.

169
00:35:08.233 --> 00:35:17.699
Die Schlaueren, die schon länger da waren, haben es gewusst und ausgenutzt. Sie haben es sich gemommen, während ich ahnungslos geschlafen habe.

170
00:35:17.700 --> 00:35:32.132
Nach zwei Tagen kamen sie mit einem Dolmetscher. Der Offizier war nicht mehr da. Es kam die hiesige Lagerverwaltung.

171
00:35:32.133 --> 00:35:47.132
Es kam ein Dolmetscher für Polnisch und wir wurden gefragt, wer Brot backen kann. Viele Männer hoben die Hände und wurden zum Steinbruch zugeteilt.

172
00:35:47.133 --> 00:35:59.566
Was war mit mir? Ich konnte nicht, ich blieb... Ich drehte mich zur Seite. Am nächsten Tag, ich weiß nicht, wie viele wir waren.

173
00:35:59.567 --> 00:36:09.799
30 oder 40 Männer, wir standen in Dreier-Reihen, nein, in Fünfer-Reihen.

174
00:36:09.800 --> 00:36:25.766
Unter Bewachung wurden wir in eine Fabrik geführt. Ich kam in die Halle Nummer 11. Es war die Flugzeugfabrik.

175
00:36:25.767 --> 00:36:36.366
Mir wurde der Arbeitsplatz gezeigt und ich wurde einer Gruppe zugeteilt, die am Fließband arbeitete.

176
00:36:36.367 --> 00:36:46.399
Ich war in der Gruppe, die Pilotenkabinen machte. Auf dem Fließband kam die Kabine und die Träger.

177
00:36:46.400 --> 00:37:01.266
Wir mussten das Blech nieten: Auf dem Dach der Kabine, an den Seiten und am Armaturenbrett. Das war unsere Aufgabe.

178
00:37:01.267 --> 00:37:11.432
Dort arbeiteten ein Tscheche, ein Russe und ich wurde ihnen zugeteilt. Mir wurde gezeigt, was ich machen und wie ich bohren soll.

179
00:37:11.433 --> 00:37:23.899
Ich habe gebohrt, obwohl ich es nicht konnte. Nach kurzer Zeit brach der Bohrer ab und und der Tscheche sagte zu mir, 

180
00:37:23.900 --> 00:37:35.266
dass ich zum Ende der Halle gehen und dort an einem Schalter den Bohrer zeigen solle. Da bekäme ich einen neuen Bohrer.

181
00:37:35.267 --> 00:37:45.166
Ich ging hin und ich zeigte ihn natürlich. Der Deutsche sagte etwas zu mir, aber ich habe es nicht verstanden. Er gab mir einen Bohrer und ich setzte diesen ein.

182
00:37:45.167 --> 00:37:52.799
Ich wiederhole: Es war das erste Mal, dass ich einen Presslufthammer in der Hand hatte {lacht} und dass ich gebohrt habe.

183
00:37:52.800 --> 00:38:02.132
Ich bohrte und bohrte und gegen Mittag brach der Bohrer wieder ab. Also ging ich wieder dorthin, ohne jemanden zu fragen.

184
00:38:02.133 --> 00:38:08.232
Er hat mich laut angeschrien, aber ich habe nicht gewusst, was. Ich habe auch dieses Mal einen Bohrer bekommen. 

185
00:38:08.233 --> 00:38:21.899
Der Kapo war ein Mann aus Poznań und er saß ganz oben auf einem Gerüst und beobachtete uns von oben.

186
00:38:21.900 --> 00:38:41.266
Wir bekamen eine Suppe aus Steckrübenblättern. Manchmal gab es dort auch ein Stück Kartoffeln, manchmal Mangold.

187
00:38:41.267 --> 00:38:54.766
Ich habe es gegessen und nach dem Mittagessen brach der Bohrer wieder ab. Es passierte alles an einem Tag. Ich kann mich sehr gut daran erinnern.

188
00:38:54.767 --> 00:39:09.732
Ich ging nach dem Bohrer und wurde von oben laut auf Deutsch angeschrien. Ich habe nicht gewusst, was gemeint war.

189
00:39:09.733 --> 00:39:16.766
Und ich sagte zu ihm: "Sie sprechen doch Polnisch, erklären Sie es mir bitte. Ich verstehe es nicht".

190
00:39:16.767 --> 00:39:26.199
Und er schrie von oben wieder: "Polnisch Banditen Schweine Bandit!" Er kam vom Gestell herunter und schlug mich so heftig, dass ich geblutet habe.

191
00:39:26.200 --> 00:39:43.299
Da hat er mein Ohr kaputt gemacht. Nachdem ich so mißhandelt wurde, klärte mich ein Russe auf, dass man die Bohrer am Ende der Halle an der Schleifmaschine  wieder schärfen könne.

192
00:39:43.300 --> 00:39:58.532
Man musste den Bohrer wieder schärfen und weiter bohren. Jeder wusste dann, was er mit diesem kleinen Stück machen sollte.

193
00:39:58.533 --> 00:40:09.266
Ich kehrte an meinen Arbeitsplatz zurück. Ich arbeitete in zwei Schichten. Gleich nach Neujahr oder Weihnachten..

194
00:40:09.267 --> 00:40:19.066
In der zweiten Dezemberhälfte haben wir in der Nachtschicht nicht mehr gearbeitet. Es gab bereits Luftangriffe, wir mussten die Lichter ausmachen und leise sitzen bleiben.

195
00:40:19.067 --> 00:40:30.999
Nach Neujahr wurde nur die Tagschicht weitergeführt. In der Tagschicht arbeiteten Häftlinge, die mehr Erfahrung hatten. Junge Männer wie wir wurden nicht so gebraucht.

196
00:40:31.000 --> 00:40:45.532
Ich kam in ein anderes Kommando. Ich bekam einen Besen und kehrte den Appellplatz.

197
00:40:45.533 --> 00:40:56.566
Nach ein paar Tagen erkrankte ich an Typhus. Ich mussten liegen bleiben.

198
00:40:56.567 --> 00:41:06.766
Ich erinnere mich, dass ich nachts halluziniert und mit meiner Mutter gesprochen habe. Dann habe ich einen Schlag auf die Backe bekommen und kam zu mir.

199
00:41:06.767 --> 00:41:16.599
Ich wurde mit der Hand geschlagen und hörte nur: "Er lebt noch".

200
00:41:16.600 --> 00:41:26.166
Es war ein Häftling in einem weißen Kittel. Ich weiß nicht, ob er ein Tscheche oder ein Russe war.

201
00:41:26.167 --> 00:41:41.999
So war es bis zum Abend. Am Nachmittag kamen einige Soldaten, SS-Männer. Und sie gingen durch die Baracke.

202
00:41:42.000 --> 00:41:56.399
Sie zeichneten an der Stirn der Kranken {zeigt auf die Stirn} entweder einen Kreis oder ein Kreuz. Ein Kreis bedeutete Bleiben, ein Kreuz bedeutete Krematorium.

203
00:41:56.400 --> 00:42:09.232
Ich habe es nicht gewusst, aber ein Kamerad klärte mich auf. Hinter unserer Baracke Nummer 19 war das Krankenrevier. Es war bereits Abend.

204
00:42:09.233 --> 00:42:22.532
Dort gab es ein Krankenrevier. Ich lag auf der oberen Pritsche. Die Fenster waren nicht mit Gittern versehen. 

205
00:42:22.533 --> 00:42:35.899
Ich ging hinaus zur Baracke 19. Und ich sprach mit einem Tschechen. Es war schon nach dem Appell.

206
00:42:35.900 --> 00:42:45.332
Der Tscheche sagte zu mir, wenn ich ihm vier Scheiben Brot besorge, dann wird er am Morgen melden, dass ich ins Lager zurückkehre. So kam es auch.

207
00:42:45.333 --> 00:43:01.499
Ich kam in die Baracke zurück. Auf der anderen Seite war ein Depot und der Leiter war ein deutscher Häftling.

208
00:43:01.500 --> 00:43:18.699
Es war ein älterer Herr, mit Brille. Ich habe dort mit dem Besen gekehrt und er gab mir eine neue und saubere Kleidung.

209
00:43:18.700 --> 00:43:32.166
Er hat mir geholfen, die Nummern anzunähen. So verbrachte ich die Zeit auf dem Appellplatz fast bis zur Befreiung des Lagers.

210
00:43:32.167 --> 00:43:42.432
Gegenüber vom Eingang in die Gedenkstätte gab es eine Treppe mit einem Anbau, in dem es eine Backkammer gab.

211
00:43:42.433 --> 00:43:57.466
In dieser Backkammer hatte ich den Besen und den Kübel {lacht}. Bis heute ist dort der Anbau. Ich hatte einen Schlüssel und bewahrte dort den Besen und den Kübel auf.

212
00:43:57.467 --> 00:44:15.066
Es zog sich so bis zur Befreiung. Es kam der 20. April. Es war in den Morgenstunden in der Nähe der Küche.

213
00:44:15.067 --> 00:44:25.399
Auf der Küche flatterte eine weiße Flagge. Über dem Lager kreisten in einer niedrigen Höhe drei englische Flugzeuge. 

214
00:44:25.400 --> 00:44:40.999
Die Deutschen, die Gestapo begannen unter Schreien, die Kolonnen zum Marsch aufzustellen.

215
00:44:41.000 --> 00:44:48.532
In der ersten Kolonne unten war mein Bruder dabei. Es wurde eine Kolonne aufgestellt, aber ich weiß nicht, wie viele Häftlinge dort waren.

216
00:44:48.533 --> 00:45:02.799
Zukowski hat darüber gelesen, wie viele Tausende dort gruppiert waren. Diese Kolonne ging auf dem Marsch nach Dachau.

217
00:45:02.800 --> 00:45:06.232
IV: Ihr Bruder ist also nach Dachau gegangen?

218
00:45:06.233 --> 00:45:08.732
MC: Er ist nach Dachau gegangen. Ja. Er ist nach Dachau gegangen.

219
00:45:08.733 --> 00:45:17.132
IV: Ich hätte eine Frage: Welches Gefühl hatten Sie dabei, als sie im Revier blieben und Ihr Bruder auf den Marsch geschickt wurde?

220
00:45:17.133 --> 00:45:23.866
MC: Ich habe nicht gewusst, dass er überhaupt gegangen ist. Ich kann später darüber erzählen, wie es passiert ist.

221
00:45:23.867 --> 00:45:36.066
Ich habe überhaupt nicht gewusst, dass er gegangen ist. Aber als sie weggingen, war eine Pause im Lager. Wir wurden nicht mehr aus den Baracken rausgedrängt. Die Älteren...

222
00:45:36.067 --> 00:45:47.399
Die Älteren sagten zu uns, dass wir nicht weggehen sollten. Wir werden bald befreit, die weiße Fahne sei schon gehisst. Es gab keinen Strom mehr im Lagerzaun.

223
00:45:47.400 --> 00:46:02.932
In den SS-Baracken waren noch teilweise Bestände an Zwieback, Zigaretten und anderen Lebensmitteln. Jemand hat eine Zwiebel gefunden. Die Deutschen sind geflohen.

224
00:46:02.933 --> 00:46:12.466
Wir haben geglaubt, dass wir bald befreit würden, dass wir etwas zum Essen und zum Anziehen bekommen würden.

225
00:46:12.467 --> 00:46:26.399
Es dauerte etwa drei oder vier Stunden. Am Nachmittag kam eine Gruppe von SS-Männer {lacht} mit einem Schrei: "Raus"!

226
00:46:26.400 --> 00:46:41.966
Wieder wurden die Häftlinge zu fünft aufgestellt und aus dem Lager evakuiert. Ich erinnere mich bis heute, wie wir hinausgeführt wurden. Am Kirchturm gab es eine Uhr.

227
00:46:41.967 --> 00:46:58.866
Ich erinnere mich an die Uhrzeit: 16.00 Uhr. Die Uhr hat geschlagen, als wir vorbei gingen. Auf dem Weg haben wir eine rohe Kartoffel bekommen, die ich gleich gegessen habe.

228
00:46:58.867 --> 00:47:13.732
Als wir gingen, standen an unserem Weg deutsche Jungen, die Hitlerjugend. Sie waren gerade 14 oder 15 Jahre alt und bewaffnet.

229
00:47:13.733 --> 00:47:30.632
Sie haben gelacht und uns beobachtet. Es gab auch einige Hunde, die neben uns gingen. Die SS-Männer hatten ihre Hunde dabei.

230
00:47:30.633 --> 00:47:44.499
Ich kann es später erzählen, sonst erzähle ich alles auf einmal. So war es bis zum 20. oder 22. April. Wir waren müde.

231
00:47:44.500 --> 00:47:58.566
Hinter der Stadt Cham, in etwa 15 oder 20 Kilometern Entfernung, gab es einen kleinen Wald und rechts war ein Dorf. Ich erinnere mich daran.

232
00:47:58.567 --> 00:48:11.032
Dort wurde es uns erlaubt, uns auszuruhen. Wir durften sogar an diesem Abend zwei Feuerstellen machen. Die deutschen Soldaten haben es gewusst.

233
00:48:11.033 --> 00:48:25.966
Morgen wurden wir aber wieder angeschrien, dass wir uns wieder aufstellen und losgehen sollten. Ein Teil der Kolonne war bereits auf der Straße.

234
00:48:25.967 --> 00:48:36.432
Es wurde auf einmal laut und die Geräusche waren immer lauter. Mit einem Krach kamen drei oder vier amerikanische Panzer.

235
00:48:36.433 --> 00:48:56.166
Aus der ersten Luke stieg ein dunkelhäutiger Soldat {lacht} aus. Aus der zweiten Luke stieg ein weißer Offizier aus. Er sprach Deutsch.

236
00:48:56.167 --> 00:49:03.699
Wir haben damals schon verstanden. Sie gaben uns zu verstehen, dass sie über unsere Lage Bescheid wüssten, aber dass sie auch weitergehen müssten.

237
00:49:03.700 --> 00:49:11.532
Er hat gesagt, dass bald eine sanitäre Kolonne käme und uns helfe.

238
00:49:11.533 --> 00:49:20.999
Aber auf der anderen Seite, in einem offenen Fahrzeug, fuhr der Lagerkommandant und schrie die Wachen an.

239
00:49:21.000 --> 00:49:27.599
Er hat sie angeschrien, aber ich weiß nicht, was er sagte. Manche Wachposten schafften es nicht, runterzukommen.

240
00:49:27.600 --> 00:49:37.999
Sie wurden von den Häftlingen entsprechend behandelt. Es war so.

241
00:49:38.000 --> 00:49:52.532
Wir haben tatsächlich Platz gemacht und die Soldaten fuhren weiter Richtung Cham. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer es von hier sind: 70, 80 oder so?

242
00:49:52.533 --> 00:50:11.932
Wir waren da einmal. Es kam dann eine Staffel aus weißen Lieferfahrzeugen. Sie haben UNRRA-Pakete abgeworfen. Es waren kleine Pakete mit Fleischkonserven, Schokolade, Zigaretten usw..

243
00:50:11.933 --> 00:50:24.332
Sie haben es abgeworfen. Es waren junge Frauen da und eine Frau war etwas älter. Sie hatte eine graue, elegante und saubere Uniform.

244
00:50:24.333 --> 00:50:38.632
Aber nach einer Stunde habe ich etwas beobachtet, dass ein Mensch aufgedunsen auf dem Boden mit einem Schaum vor dem Mund liegt.

245
00:50:38.633 --> 00:50:51.799
Sie haben die Fleischkonserven gegessen und nur eine Stunde lang die Freiheit genossen. Ihr Magen hat es nicht ausgehalten.

246
00:50:51.800 --> 00:51:04.966
Ich konnte es alles sehr gut beobachten. Unsere Kolonne stand unweit. Die Soldatinnen haben Französisch gesprochen.

247
00:51:04.967 --> 00:51:10.599
Aber ich weiß nicht, ob sie Französinnen waren. Aber ich erinnere mich bis heute, dass sie Französisch sprachen.

248
00:51:10.600 --> 00:51:21.832
Sie liefen alle zu der älteren Soldatin und sie sagte ihnen etwas. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass der Frau die Tränen über das Gesicht rannen. {zeigt auf die Augen, weint}.

249
00:51:21.833 --> 00:51:30.432
War es ihnen nicht bewusst? Als die jungen Frauen gekommen sind, haben sie gleich mehrere Tote gesehen.

250
00:51:30.433 --> 00:51:40.632
Einige atmeten noch, aber ihnen blieben nur ein paar Minuten zum Leben. 

251
00:51:40.633 --> 00:51:52.666
Ich habe meinen älteren Cousin getroffen, denn ich habe ihn aus den Augen verloren. Er ging auf der anderen Seite, da in der Nähe ein Dorf war. Auch ich wollte dorthin gehen.

252
00:51:52.667 --> 00:52:02.866
Ich ging und als er sah, dass ich ein Paket in meinen Händen hielt, schrie er, dass ich es nicht anrühren solle. Er hat aus dem Dorf Kartoffeln mitgebracht und sie gebraten.

253
00:52:02.867 --> 00:52:08.866
Mein erstes Essen waren die gebratenen Karotffeln. Wir haben wenig gegessen, zwei oder drei Stück.

254
00:52:08.867 --> 00:52:19.466
Von da gingen wir in die Stadt Cham. Wir gingen in Gruppen nach Cham.

255
00:52:19.467 --> 00:52:32.699
Wir kamen zu einem mehrstöckigen Einfamilienhaus. Wir gingen hinein, die obere Etage war möbliert.

256
00:52:32.700 --> 00:52:44.232
Auf dem Boden lag ein gerade erst verbranntes Radio und es lagen viele Fotos von Männern und Frauen in SS-Uniformen. Die Fotos und das Radio waren verbrannt.

257
00:52:44.233 --> 00:52:52.332
Man konnte erkennen, dass es gerade erst passiert war, vielleicht vor einer oder vor zwei Stunden. Ich erblickte eine Treppe und wir gingen hinunter.

258
00:52:52.333 --> 00:53:03.366
Im Keller saß ein altes Ehepaar, Deutsche. Sie waren in dem Alter wie ich jetzt. Oder sie waren schon um die 90.

259
00:53:03.367 --> 00:53:17.032
Die deutsche Frau sprach uns an und bat, ihnen nichts anzutun. So wie ich es mitbekommen habe, hat ihnen niemand was angetan.

260
00:53:17.033 --> 00:53:30.066
Die Frau machte eine Tür zur Vorratskammer auf, wo auf Regalen eingemachte Gläser waren. In den Gläsern war Quark.

261
00:53:30.067 --> 00:53:44.166
Ich war überrascht, dass deutsche Frauen so etwas machten. Sie zeigte uns mit der Hand auf die Gläser und gab zu verstehen, dass wir es nehmen sollten. Dann gingen wir in die Stadt.

262
00:53:44.167 --> 00:53:54.832
Wir waren einige Personen und wir lernten es so zu machen: Die einen besorgten Fleisch, Wurst, die anderen Brot uns so weiter.

263
00:53:54.833 --> 00:54:06.732
In den Schlangen standen Deutsche und sie hatten Lebensmittelmarken {lacht}. Mehrere von uns gingen hin und besorgten die Lebensmittel, wie z.B. Brot.

264
00:54:06.733 --> 00:54:16.966
Es dauerte ungefähr zwei oder drei Tage. Eines Tages gingen wir in die Stadt, um etwas zu Essen zu holen und es stellte sich heraus...

265
00:54:16.967 --> 00:54:23.966
In der Stadt zeigten sich inzwischen Gruppen von älteren Männern mit Armbinden als Symbol für die Stadtverwaltung.

266
00:54:23.967 --> 00:54:35.132
Sie haben versucht, uns etwas zu erklären, aber man kann sich die Reaktion unserer Leute vorstellen. Am dritten Tag standen wir in der Stadt

267
00:54:35.133 --> 00:54:48.132
und wir erblickten einen amerikanischen, dunkelhäutigen Gendarmen, er war in weißen... Und daneben stand ein großer Bedford. Jeder, der an dieses Fahrzeug kam...

268
00:54:48.133 --> 00:55:02.199
Ich weiß nicht, wie es mit dem Fahrzeug war... Wir wurden weiter nach Hohenfels gebracht. In Hohenfels war ein Lager, in dem polnische Offiziere stationiert waren.

269
00:55:02.200 --> 00:55:14.166
Sie haben Polnisch gesprochen. In Hohenfels sollten wir uns registrieren und uns in die Listen eintragen, ob wir nach Polen zurückkehren wollten.

270
00:55:14.167 --> 00:55:23.866
Ein Teil wollte nach Polen zurück. Es gab Angebote für Männer, in den Wachkompanien zu dienen. Kucharski war in einer solchen Kompanie.

271
00:55:23.867 --> 00:55:37.566
Ein Kapitän versuchte, mich zu überreden, mit ihm nach Schweden zu gehen, damit ich dort eine Ausbildung bekäme. Ich sagte ihm, dass ich im Bauwesen arbeiten wolle. Ich lehnte das Angebot ab.

272
00:55:37.567 --> 00:55:48.399
Mein Bruder und ich gingen von zu Hause weg, ohne meiner Mutter etwas zu sagen. Sie hatte zwei Söhne. Aus diesem Grund wollte ich nichts anderes als zur Mutter zurück.

273
00:55:48.400 --> 00:56:01.266
Ich war 20 Jahre alt und wurde zuhause erzogen. Ich kam aber mit meinem Cousin nach Hause zurück.

274
00:56:01.267 --> 00:56:09.566
Ich sah meinen Vater wie er draußen vor dem Haus arbeitete. Es war wie ein Dorf außerhalb Warschaus, wo wir gewohnt haben.

275
00:56:09.567 --> 00:56:20.532
Es gab ein Tor und der Vater ging raus. Er machte das Tor auf... Entschuldigung, was wollte ich jetzt erzählen? Kann ich weiter sprechen?

276
00:56:20.533 --> 00:56:35.832
Als ich da angekommen bin, erfuhr ich, dass auch mein Bruder zurückkehrte. Es kam eine Nachricht, weil die Deutschen einen Teil der Gruppe aus dem Todesmarsch suchten.

277
00:56:35.833 --> 00:56:49.032
In Regensburg wurde eine Brücke gesprengt. Ich wusste nicht, dass mein Bruder bis dahin gekommen war. Ich dachte die ganze Zeit, dass mein Bruder Jurek getötet wurde.

278
00:56:49.033 --> 00:56:56.832
Deswegen fuhr ich mit dieser Annahme nach Hause und überlegte, wie ich es meiner Mutter vermitteln solle. Deswegen bin ich jetzt vom Thema abgekommen.

279
00:56:56.833 --> 00:57:09.032
Und mein Vater sagte: "Oh Gott, gestern haben wir Jurek begrüßt und heute dich! Wie gut, dass du da bist!" Mir fiel ein Stein vom Herzen {weint}.

280
00:57:09.033 --> 00:57:25.799
Nach dem Krieg habe ich eine Fachschule für Bauwesen besucht, die ich mit Abitur abschloss. Dann bekam ich eine Arbeit und heiratete.

281
00:57:25.800 --> 00:57:40.999
Ich ging zu einer Wohnungsbaugenossenschaft. Ich sprach mit dem Leiter der Genossenschaft und erklärte ihm, dass ich eine Familie gründen wolle.

282
00:57:41.000 --> 00:57:53.199
Es wurde mir gesagt, wenn ich heiratete und die Heiratsurkunde vom Standesamt vorlegte, bekäme ich vielleicht eine Wohnung.

283
00:57:53.200 --> 00:58:08.199
Ich und meine Verlobte, die jetzige Frau, haben vereinbart, dass wir heiraten sollten. Wir haben im Stadtviertel Praga gewohnt. Wir haben geheiratet und bekamen die Urkunde.

284
00:58:08.200 --> 00:58:16.632
Es war im Oktober und am 1. Dezember haben wir eine kleine Wohnung bekommen. Wir konnten ab jetzt alleine wohnen.

285
00:58:16.633 --> 00:58:25.866
Bis dahin haben wir in einer Wohnung gewohnt, wo das Wasser im Innenhof war {lacht}. Es war alles. Es waren damals andere Zeiten.

286
00:58:25.867 --> 00:58:38.766
Ich wurde in anderen Verhältnissen erzogen. Ich arbeitete im Bauwesen und nebenbei begann ich das Studium an der Fachhochschule, Studienfach Industriebauwesen.

287
00:58:38.767 --> 00:58:52.432
Es war eine Fakultät und es gab zwei "Vorlesungsschichten". Es gab von 14 bis 20 Uhr Vorlesungen.

288
00:58:52.433 --> 00:59:07.866
Ich stellte bei der Arbeit einen Antrag auf Befreiung ab 14 Uhr. Um 14 Uhr fuhr ich täglich zur Fachhochschule und kehrte um 22 Uhr nach Hause zurück.

289
00:59:07.867 --> 00:59:23.332
Am nächsten morgen stand ich auf und fuhr wieder zur Arbeit. Ich schloss die Fachhochschule ab. Ich arbeitete weiter im Bauwesen.

290
00:59:23.333 --> 00:59:38.099
Ich arbeitete die ganze Zeit im Bauwesen. Dann bekam ich ein Angebot, ein zweites Studium zu beginnen.

291
00:59:38.100 --> 00:59:50.266
Ich begann das Studienfach Wirtschaft, aber ich schloss das Studium ohne Diplom ab. Ich studierte an der Krakauer Wirtschaftshochschule.

292
00:59:50.267 --> 01:00:01.832
Sie hieß die Krakauer Wirtschaftshochschule.

0
 --> 
{Lacht}. Ich habe viel geredet, ja?

294
01:00:02.467 --> 01:00:07.432
IV: {Rücksprache mit MA}

295
01:00:07.433 --> 01:00:19.166
MA: Wir machen Pause, damit wir zurückgehen können. Alles läuft. Als er beim Warschauer Aufstand verhaftet wurde, ob es ihm klar gewesen ist, was mit ihm passieren würde?

296
01:00:19.167 --> 01:00:26.966
Ob ihn, er wusste, wo er hinkommt? Ob ihm was gesagt wurde oder so was? Ob es ein Strafverfahren gab, wo er verurteilt wurde zur Zwangsarbeit,

297
01:00:26.967 --> 01:00:35.499
ob sie eine Ahnung hatten, dass es diese Lager gab? Ich würde sagen, so bisschen, was er erwartet hat?

298
01:00:35.500 --> 01:01:07.866
IV: {Kurze Übersetzung des zuvor Gesagten}

299
01:01:07.867 --> 01:01:16.166
MA: Dann würde ich einfach die Frage so formulieren, ob er eine Vorstellung hatte, bevor er nach Flossenbürg kam, dass es so was gab, wie diese Lager?

300
01:01:16.167 --> 01:01:22.599
Ob sie was gewusst haben, auch von Vernichtung oder was von Zwangsarbeitslagern, oder wie dann der Eindruck war es plötzlich zu sehen.

301
01:01:22.600 --> 01:01:32.132
Ich meine, der Zustand im Warschauer Ghetto, da war ja auch schrecklich, aber sozusagen. Statt Weinlese Flossenbürg. Das war.. was es so bewirkt hat?

302
01:01:32.133 --> 01:01:42.399
IV: Wie waren Ihre Gefühle, als Sie während des Warschauer Aufstandes verhaftet wurden? Und was fühlten Sie, als Sie dann in den Waggons deportiert wurden?

303
01:01:42.400 --> 01:01:47.332
Wussten Sie etwas über die Konzentrationslager? Gab es Informationen dazu?

304
01:01:47.333 --> 01:01:55.732
MC: Nein, wir hatten keine Informationen. Psychologisch gesehen war es keinem bewusst, wohin er und aus welchem Grund er deportiert wird.

305
01:01:55.733 --> 01:02:05.599
Im Gegenteil: Wir haben dem Offizier in der deutschen Uniform geglaubt, dass wir lediglich nach...

306
01:02:05.600 --> 01:02:14.332
Wir kamen in Flossenbürg an und es hieß, dass wir nur desinfiziert und gewaschen und danach weiter fahren würden. 

307
01:02:14.333 --> 01:02:25.032
Keiner von uns hatte Zweifel daran. Wir waren mehrere Hundert Menschen, es waren viele älter als ich.

308
01:02:25.033 --> 01:02:32.199
Aber niemand hat uns was gesagt. Mir war es überhaupt nicht bewusst, was auf mich zukommt.

309
01:02:32.200 --> 01:02:50.032
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

310
01:02:50.033 --> 01:02:58.732
MA: Ja, vielleicht erst noch eine Frage... Wenn er vergleicht den Zustand, als er verhaftet wurde bis zur Befreiung. 

311
01:02:58.733 --> 01:03:04.699
Was hat es bewirkt, wie ging es ihm, auch körperlich oder psychisch. Das waren ja nochmals schreckliche Erfahrungen.

312
01:03:04.700 --> 01:03:11.566
Ich denke, er hat viele Fakten erzählt, oder einfach mal, was mit ihm innerlich auch passiert ist, wenn er darüber reden soll.

313
01:03:11.567 --> 01:03:24.699
IV: Es gibt eine Frage.. Bis jetzt haben Sie über viele Fakten berichtet. Es geht um Ereignisse, wie zum Beispiel den Warschauer Aufstand,

314
01:03:24.700 --> 01:03:35.166
die Mitwirkung am Warschauer Aufstand, die Verhaftung, die Inhaftierung in einem KZ, schließlich die Befreiung.

315
01:03:35.167 --> 01:03:45.766
Wie haben diese Ereignisse Sie als Menschen in psychischer und körperlichen Weise verändert? Wie habe sich die Ereignisse auf Sie ausgewirkt?

316
01:03:45.767 --> 01:03:56.266
MC: In psychischer Weise würde ich sagen, dass ich mich als Mensch immer gewehrt habe, aufzugeben. Ich kämpfte immer dafür, weiter leben zu können.

317
01:03:56.267 --> 01:04:03.799
Ich gab auch dann nicht auf, wenn es schmerzhaft war. Ein Beispiel dafür ist, dass man mein Ohr operieren wollte.

318
01:04:03.800 --> 01:04:11.399
Aber ich habe gesagt, dass es nicht sein muss. Ich sagte, dass ich mit einem Ohr gut zurecht komme und sonst nichts weiter brauche.

319
01:04:11.400 --> 01:04:26.199
Ich habe unter Entbehrungen gelitten. Es kam dann aber ein Moment, in dem ich gemerkt habe,

320
01:04:26.200 --> 01:04:36.899
dass, wenn ich arbeite, sich auch Möglichkeiten eröffnen. Und dies wiederum führt zu mehr Wohlstand.

321
01:04:36.900 --> 01:04:50.632
Ich hatte eine innere Energie, die besonders wichtig ist. Diese Energie war zugleich das Wehren gegen unterschiedliche Gedanken, wie zum Beispiel, gegen die Gedanken des Aufgebens.

322
01:04:50.633 --> 01:04:58.032
Mir wäre es nie in den Kopf gekommen, sich in den Zaum zu werfen und zu sterben. Es gab welche, die es taten. Aber ich wollte nicht aufgeben.

323
01:04:58.033 --> 01:05:08.532
Ich wurde damals von diesem SS-Mann oder Kapo mißhandelt. Aber ich stand wieder auf und lebte weiter.

324
01:05:08.533 --> 01:05:21.999
Es war nicht so einfach, aber man musste weiter leben und überleben. Ich denke, dass diese Haftbedingungen, die ich erlebt habe,

325
01:05:22.000 --> 01:05:35.766
meinen Körper so weit gehärtet haben, so dass ich bis heute, in meinem Alter, immer noch sprechen, gehen und ganz gut funktionieren kann.

326
01:05:35.767 --> 01:05:48.066
Ich kann alle Angelegenheiten selbst erledigen. Ich schreibe selbst Briefe, ich kommuniziere. Hoffentlich wird es nicht schlechter. Bald werde ich 90  {lacht}.

327
01:05:48.067 --> 01:06:12.699
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

328
01:06:12.700 --> 01:06:33.666
MA: {unverständlich}

329
01:06:33.667 --> 01:06:42.166
IV: Ich möchte fragen, wie ist es, dass viele ehemalige Häftlinge über das Thema Lager mit den Angehörigen nicht sprechen. Sie reden nicht darüber, was sie erlebt haben.

330
01:06:42.167 --> 01:06:49.866
Wie stehen Sie zu diesen Lagererfahrungen nach den vielen Jahren?

331
01:06:49.867 --> 01:07:24.966
MC: Wie soll ich es erklären? Wenn es manchmal zu einer schlechteren Situation kommt, denke ich mir oft, dass es viel schlimmer war und dass ich es überlebt habe. Dann schaffe ich es jetzt auch, oder?

332
01:07:24.967 --> 01:07:35.932
Ich habe so viele Tage nicht gegessen und ich werde es jetzt auch meistern. Ich kann viele Entbehrungen auf mich nehmen.

333
01:07:35.933 --> 01:07:45.832
Wir hatten auch schwere Zeiten mitgemacht als wir in einer Krise lebten. Auch wir hatten Lebensmittelmarken. Es war nicht so einfach.

334
01:07:45.833 --> 01:07:54.866
Sie wissen ja selbst sehr gut, wie es im Kriegszustand war. Alles war nur für Lebensmittelmarken zu haben. Es herrschte Kommunismus.

335
01:07:54.867 --> 01:08:00.399
IV: Es ist die Frage, ob Sie selbst mit Ihrer Familie über die Erfahrungen sprechen?

336
01:08:00.400 --> 01:08:15.599
MC: Manchmal werde ich im Familienkreis gefragt, wie es im KZ war. Aber im Laufe der Zeit kamen andere Themen, die es überdeckten.

337
01:08:15.600 --> 01:08:25.032
Meine Kinder, Enkelkinder und jetzt auch die Urenkel haben eine ganz andere Situation.

338
01:08:25.033 --> 01:08:34.332
Jeden Tag rufen mich mein Sohn und meine Frau hier an und fragen, wie es mir geht, wie ich mich fühle und ob ich noch funktioniere. 

339
01:08:34.333 --> 01:08:45.199
Der Sohn sagte, dass ich ihn anrufen soll. Ich habe ihm versprochen, dass ich abends anrufe. Ich lade das Telefon jeden Tag auf, damit der Akku nicht leer wird und ich anrufen kann.

340
01:08:45.200 --> 01:08:56.732
Aber dieses Thema steckte auch in ihnen. Zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers kamen mein Sohn und seine Kinder mit. Es gibt einen Film, den Sie kennen.

341
01:08:56.733 --> 01:09:07.066
Es gibt einen Film darüber. Meine Enkelkinder waren hier und wissen, was Flossenbürg bedeutet. Sie wissen es, weil sie hier zu Besuch waren.

342
01:09:07.067 --> 01:09:20.332
Sie wissen aus Erzählungen, was ich hier erlebt habe. Der ältere Enkel ist Jurist und sagt manchmal: "Opa, erzähl es lieber nicht, was du im Lager erlebt hast."

343
01:09:20.333 --> 01:09:35.666
Es ist so. Wir treffen uns hier im Verband und können darüber sprechen, uns an die Zeit erinnern. Wir reden darüber auch vor den Überlebendentreffen.

344
01:09:35.667 --> 01:09:47.766
Manche fuhren nach Dachau, andere hierher nach Flossenbürg oder Buchenwald. Der Großteil der ehemaligen Häftlinge ist mit der eigenen Gesundheit beschäftigt.

345
01:09:47.767 --> 01:09:57.632
Es wird über unsere Erkrankungen erzählt und bei welchen Ärzten wir behandelt werden. Es gibt ein neues Gesetz, wonach wir Vorrang haben, einen schnellen Termin beim Facharzt zu bekommen.

346
01:09:57.633 --> 01:10:06.866
Es ist sehr wichtig für uns. Meine beiden Augen sind jetzt operiert. Dieses Gesetz ermöglichte mir eine schnell Operation.

347
01:10:06.867 --> 01:10:18.766
Es ist sehr wichtig. Ich habe immer Augentropfen dabei. Am 7. bekomme ich eine neue Brille. Es ist gut so. Über solche Themen reden wir.

348
01:10:18.767 --> 01:10:34.299
Zum Schluss: Ich habe zwei Kinder, einen älteren Sohn und eine jüngere Tochter. Der Sohn arbeitet als Filmemacher im Polnischen Fersnehen. Ich erzählte, dass er hier einen Film drehte.

349
01:10:34.300 --> 01:10:48.599
Meine Tochter ist Professorin für Tiermedizin.

350
01:10:48.600 --> 01:11:04.632
Sie lehrt, aber ist auch schon über 60 {lacht}. Ich habe 1949 geheiratet und 1950 kam unser Sohn zur Welt. 

351
01:11:04.633 --> 01:11:12.266
Damals hatten wir andere Lebensbedingungen. Wir waren auf nichts vorbereitet. 

352
01:11:12.267 --> 01:11:19.566
Es waren andere Lebensbedingungen in den 1930ern, 1940er Jahren. Es ist mit dem Stand von heute nicht vergleichbar.

353
01:11:19.567 --> 01:11:27.266
Abgesehen von den vielen Möglichkeiten, die wir heutzutage haben. Das Leben ist jetzt anders eingerichtet.

354
01:11:27.267 --> 01:11:38.832
Wer glaubt heute, dass man früher stundenlang auf eine Telefonverbindung warten musste? Jetzt ziehe ich das Handy aus der Tasche und kann mit meiner Frau telefonieren.

355
01:11:38.833 --> 01:11:45.866
Und die Enkel und die Urenkel.. Aber vielleicht rede ich jetzt zu viel.

356
01:11:45.867 --> 01:11:48.832
IV: Sie können etwas Wasser trinken.

357
01:11:48.833 --> 01:12:11.099
IV: {Übersetzung und Rücksprache mit MA}

358
01:12:11.100 --> 01:12:23.532
MA: Vielleicht jetzt die letzte Frage einfach... {unverständlich}

359
01:12:23.533 --> 01:12:26.366
IV: Die letzte Frage.

360
01:12:26.367 --> 01:12:36.166
MA: Die Menschen, die das erlebt haben, werden immer älter und immer weniger, die noch aus eigener authentischer Erfahrung berichten können,

361
01:12:36.167 --> 01:12:45.432
was sie erlebt und erfahren haben. Und in einiger Zeit wird es dann niemanden mehr geben. Und es ist jetzt auch die letzte Chance sozusagen zu sprechen.

362
01:12:45.433 --> 01:13:00.399
Gibt es so was, hat er eine Botschaft? An die Welt, an uns, an die Menschen heute und an die Jugend, an die...

363
01:13:00.400 --> 01:13:11.166
IV: Es gibt eine Frage: Es ist unvermeidlich, dass die ehemaligen Häftlinge aufgrund ihres hohen Alters bald nicht mehr unter uns sein werden.

364
01:13:11.167 --> 01:13:20.499
Hätten Sie eine persönliche Botschaft an die junge Generation, ein Vermächtnis?

365
01:13:20.500 --> 01:13:40.099
MC: Meine Botschaft wäre, ehrlich zu leben und anderen Menschen mit Verständnis zu begegnen und Situationen zu vermeiden, die schlecht für die Menschen und die Umgebung sind.

366
01:13:40.100 --> 01:13:46.666
Es darf keine Rolle spielen, welcher Religion wir angehören, welche Hautfarbe wir haben oder in welcher Sprache wir sprechen.

367
01:13:46.667 --> 01:13:56.266
Man soll Andere wie Brüder behandeln, wie Mitbrüder dieser Welt.

368
01:13:56.267 --> 01:14:00.332
Ich denke, es ist das Grundsätzliche.

369
01:14:00.333 --> 01:14:12.999
IV: {Übersetzung}

370
01:14:13.000 --> 01:14:15.366
MA: Dann bedanke ich mich, für mein Team...

371
01:14:15.367 --> 01:14:20.232
MC: Sagt er, dass ich gut gesprochen habe? {lacht} War es gut? Ist er zufrieden?

372
01:14:20.233 --> 01:14:23.866
IV: Ich danke Ihnen im Namen des Kamerateams sehr herzlich für das Gespräch.

373
01:14:23.867 --> 01:14:29.299
MC: Ich bedanke mich auch und entschuldige mich für die Unterbrechungen. Ich habe vergessen, zu sagen,

374
01:14:29.300 --> 01:14:39.099
ich habe es ganz vergessen, dass diese Dokumente konspirative Flugblätter waren. Ich habe es in meinem Gedächtnis gesucht...

375
01:14:39.100 --> 01:14:44.067
IV: Das ist selbstverständlich. Gut.

