WEBVTT

1
00:00:01.833 --> 00:00:06.632
JJ: Wir kümmerten uns eigentlich um, wir waren so drei oder vier..

2
00:00:06.633 --> 00:00:12.399
CM: Also, ich bin fertig.. Und wir können beginnen.

3
00:00:12.400 --> 00:00:13.566
IV: Ok, wir können beginnen.

4
00:00:13.567 --> 00:00:14.899
JJ: Ja?

5
00:00:14.900 --> 00:00:21.732
Na, bedienen Sie sich da gerne, das brachten die Kinder aus.. also aus Griechenland mit.

6
00:00:21.733 --> 00:00:22.599
Na, also..

7
00:00:22.600 --> 00:00:24.232
CM: Komm so nah wie möglich, komm so nah wie möglich zur Kamera..

8
00:00:24.233 --> 00:00:27.499
IV: Ja.

9
00:00:27.500 --> 00:00:33.866
JJ: Passen Sie auf, ich werde vielleicht, wenn.. wenn das helfen würde, dann würde ich mich ein bisschen kämmen, aber..

10
00:00:33.867 --> 00:00:37.099
IV: Aber nein, das ist doch gut, Frau Jakubcová, wirklich, nun, es sieht gut aus.

11
00:00:37.100 --> 00:00:40.932
JJ: Ja? Gut, danke, danke. Also das war so, dass wir sie..

12
00:00:40.933 --> 00:00:45.332
IV: Na, wenn möglich warten Sie noch, ich mach erst die Einführung und dann werde ich Sie noch..

13
00:00:45.333 --> 00:00:47.266
Dann werde ich Ihnen die Fragen stellen..

14
00:00:47.267 --> 00:00:48.666
JJ: Ja, ja, ja.

15
00:00:48.667 --> 00:00:56.166
IV: Dass wir das ein bisschen der Reihe nach machen.

16
00:00:56.167 --> 00:00:57.832
CM: Du kannst loslegen.

17
00:00:57.833 --> 00:01:02.799
IV: Also heute ist der 14. Juni 2012.

18
00:01:02.800 --> 00:01:13.466
Wir sind in Roztoky bei Prag bei Frau Jitka Jakubcová, geborene Kobrová, geboren am 8.8.1930.

19
00:01:13.467 --> 00:01:19.332
Ich heiße Pavla Plachá und ich werde mit Frau Jakubcová über den Todeszug sprechen,

20
00:01:19.333 --> 00:01:29.899
der Ende April 1945 in Roztoky Halt machte und dessen Augenzeugin Frau Jakubcová ist. 

21
00:01:29.900 --> 00:01:35.532
Frau Jakubcová, könnten Sie uns erst etwas über Ihre Familie erzählen?

22
00:01:35.533 --> 00:01:39.566
Hm.. Wie lebte sie während der Besatzung?

23
00:01:39.567 --> 00:01:43.799
Was machten Ihre Eltern, eigentlich.. aus was für eine Familie kommen Sie?

24
00:01:43.800 --> 00:01:56.966
JJ: Ja, also mein Vater war während.. vor dem Krieg Vorsteher des Sokol und dann war er während des Kriegs bei der Firma Pižl angestellt.

25
00:01:56.967 --> 00:02:01.799
Fotoapparate wurden dort verkauft und angeboten. 

26
00:02:01.800 --> 00:02:05.599
Hm, na und Mama war daheim, damals war das gewöhnlich so. 

27
00:02:05.600 --> 00:02:10.232
Aber verständlicherweise war Vater das Familienoberhaupt. 

28
00:02:10.233 --> 00:02:24.432
Und als Vater erfuhr, dass in Roztoky dieser Zug gehalten hatte, in dem diese Gefangenen waren, da rief er.. also alle seine Bekannten zusammen. 

29
00:02:24.433 --> 00:02:27.632
Ich weiß nicht, wen ich noch nennen sollte. 

30
00:02:27.633 --> 00:02:32.799
Das waren also größtenteils Mitglieder des Sokol. 

31
00:02:32.800 --> 00:02:36.399
Das würde ich also gerne betonen, die spielten darin eine große Rolle. 

32
00:02:36.400 --> 00:02:47.632
Und aus.. dann aus der Umgebung, als man das erfuhr, da brachten sie auf Leiterwagen nicht nur Essen, sondern auch Kleidung. 

33
00:02:47.633 --> 00:03:01.299
Und sie halfen uns diese Güterwaggons zu öffnen wie.. also die Jungs, Freunde, die also mehr Kraft hatten als wir. 

34
00:03:01.300 --> 00:03:05.532
Wir waren also ziemlich junge Mädchen. 

35
00:03:05.533 --> 00:03:15.332
Aber uns hat das natürlich dazu angestachelt, dass wenn wir helfen können, dann müssen wir natürlich helfen. 

36
00:03:15.333 --> 00:03:25.732
Damit wir also ein gutes Gefühl hatten, dass, dass wir einfach jemandem helfen und besonders solch unglücklichen Menschen. 

37
00:03:25.733 --> 00:03:31.766
Na, und dort in diesen Waggons war das also sehr grausam. 

38
00:03:31.767 --> 00:03:39.566
Das war ein vollkommen kahler Boden und einige also saßen an die Wand angelehnt und andere lagen also nur. 

39
00:03:39.567 --> 00:03:46.199
Und es stimmt, dass dort in jedem Waggon Tote lagen. 

40
00:03:46.200 --> 00:03:52.866
Und am feierlichen Begräbnis nahm dann eben mein Vater teil, der organisierte das. 

41
00:03:52.867 --> 00:03:55.399
Und der ist in Žalov/Schalow auf dem Friedhof. 

42
00:03:55.400 --> 00:04:01.432
Dort ist ein großes Denkmal, so eine Säule und aus..

43
00:04:01.433 --> 00:04:13.699
Es waren Leute aus.. also Polen, Deutsche, Russen, Holländer..

44
00:04:13.700 --> 00:04:20.166
Und jetzt erinnere ich mich gerade nicht mehr, wer noch, aber wirklich viele Nationalitäten. 

45
00:04:20.167 --> 00:04:34.866
Und wir sollten dort den Müttern helfen, die dort am Bahnhof provisorisch so eine Küche einrichteten. 

46
00:04:34.867 --> 00:04:41.166
Also dort kochte man groß.. in so einem großen Kessel Suppe. 

47
00:04:41.167 --> 00:04:51.232
Aber wir eben, weil wir das noch nicht konnten, da mussten wir in diese Waggons gehen und die Häftlinge ermahnen, dass sie nicht zu viel essen. 

48
00:04:51.233 --> 00:04:56.166
Denn das konnte ihnen schaden. 

49
00:04:56.167 --> 00:05:01.166
Manche von ihnen nahmen uns das vielleicht böse, aber wir haben es gut gemeint. 

50
00:05:01.167 --> 00:05:07.199
Wir sagten, ja, ihr bekommt weiteres Essen, aber erst nach einer Weile, nicht gleich. 

51
00:05:07.200 --> 00:05:15.299
Und sie also jetzt wenn.. also sie konnten sich äußern, wenn jemand von ihnen sprechen konnte, 

52
00:05:15.300 --> 00:05:23.432
dann war also ihr erstes Wort, an das ich mich erinnere: „Essen, Essen, Essen.“

53
00:05:23.433 --> 00:05:27.099
Sie sehnten sich schrecklich nach Essen, denn..

54
00:05:27.100 --> 00:05:34.466
Sie hatten damals wirklich also verständlicherweise nicht genug Essen, nicht wahr, in so einer Einrichtung, im KZ. 

55
00:05:34.467 --> 00:05:34.699
CM: {unverständlich}

56
00:05:34.700 --> 00:05:40.499
JJ: Ja wir schafften es, dass einige durchaus weise waren. 

57
00:05:40.500 --> 00:05:48.032
Aber einige waren schon am Ende der Erschöpfung und die forderten also entschlossen Essen. 

58
00:05:48.033 --> 00:05:55.766
Auch wenn uns also empfohlen worden war, dass wir ihnen falls möglich nicht so viel geben.

59
00:05:55.767 --> 00:05:58.766
Also das gelang uns hoffentlich. 

60
00:05:58.767 --> 00:06:09.166
Aber es stimmt, dass in jedem dieser Waggons schon einige Tote lagen, die dort an dem Bahnhof ausgeladen wurden. 

61
00:06:09.167 --> 00:06:17.066
Und die wurden dann feierlich begraben, das war schon zu Kriegsende, in Žalov/Schalow auf dem Friedhof. 

62
00:06:17.067 --> 00:06:22.632
Und es gibt dort eine große Säule, auf der Abzeichen dieser verschiedenen Länder sind. 

63
00:06:22.633 --> 00:06:26.566
Franzosen waren da zum Beispiel, das habe ich vergessen zu sagen. 

64
00:06:26.567 --> 00:06:37.366
Aber sonst passierte es, dass wenn sie abends mit diesen Leiterwagen fortfuhren, mit denen sie dort Essen und Kleidung brachten, 

65
00:06:37.367 --> 00:06:45.299
mn.. also das war unter Planen und viele von denen, die aussteigen konnten aus..

66
00:06:45.300 --> 00:06:50.632
Also sie gelangten zu den Leiterwagen und die Leute halfen ihnen natürlich. 

67
00:06:50.633 --> 00:06:54.566
Sie bedeckten sie mit diesen Planen und fuhren sie fort. 

68
00:06:54.567 --> 00:06:58.799
Also viele von ihnen wurden auf diese Weise gerettet.  

69
00:06:58.800 --> 00:07:07.666
Und dann sind wiederum viele von denen, die gehen konnten, also die flohen wieder. 

70
00:07:07.667 --> 00:07:10.766
Und ich kenne einige Fälle..

71
00:07:10.767 --> 00:07:21.499
Ich habe den Eindruck, es wäre vollkommen überflüssig sie zu nennen, aber dass sie hier letztendlich sogar heirateten und Familien gründeten. 

72
00:07:21.500 --> 00:07:27.032
Und sie blieben hier überhaupt sehr lange, also in Roztoky. 

73
00:07:27.033 --> 00:07:30.432
Oder in der Umgebung. 

74
00:07:30.433 --> 00:07:38.832
Also das war auf der einen Seite gut und es stimmt, dass wenn dann..

75
00:07:38.833 --> 00:07:42.832
Der Zug durfte hier nur zwei Tage stehen. 

76
00:07:42.833 --> 00:07:52.299
Das passierte besonders abends, dass.. bei Dämmerung oder in der Dunkelheit sie sie mit den Leiterwagen fortbrachten. 

77
00:07:52.300 --> 00:07:56.266
Und einige waren so tüchtig, dass sie gehen konnten. 

78
00:07:56.267 --> 00:08:03.999
Und natürlich, wenn sie ihre Kleidung sahen, wer das ist, dann haben sie sie verständlicherweise versteckt. 

79
00:08:04.000 --> 00:08:17.299
Also am Anfang die Menschen, die so aus dem Zug rauskamen, also die Häftlinge, also sie.. kamen..

80
00:08:17.300 --> 00:08:23.799
Oder wir richteten für sie.. Armenhaus nannte sich das früher angeblich. 

81
00:08:23.800 --> 00:08:26.566
Dann war dort eine besondere Schule. 

82
00:08:26.567 --> 00:08:32.699
Aber dort.. besonders fehlte uns, ganz schrecklich fehlten uns Strohsäcke. 

83
00:08:32.700 --> 00:08:39.932
Aber weil in der Schule in Roztoky die Wehrmacht war, also die deutschen Soldaten..

84
00:08:39.933 --> 00:08:45.199
Aber das war relativ, mit ihnen konnte man diskutieren. 

85
00:08:45.200 --> 00:08:56.432
Und sie halfen also mit diesen Strohsäcken, damit die Leute in der ersten Nacht dort in diesem Armenhaus schlafen konnten. 

86
00:08:56.433 --> 00:08:58.466
Und als nun..

87
00:08:58.467 --> 00:09:05.399
Am zweiten Tag musste der Zug fortfahren und als nun die Leute in dem..

88
00:09:05.400 --> 00:09:13.699
Ich muss noch sagen, dass sie, ihre Kleidung, das war schrecklich schmutzig. 

89
00:09:13.700 --> 00:09:20.799
Ungeziefer und all das, also füchterlich unangehnehme Geschichten. 

90
00:09:20.800 --> 00:09:29.066
Also dadurch, dass sie aus den umliegend.. aus den umliegenden Dörfern auch Kleidung brachten, so konnten sich fast alle umziehen. 

91
00:09:29.067 --> 00:09:33.632
Und wir haben ihre Kleidung verbrannt. 

92
00:09:33.633 --> 00:09:42.466
Ein Stück gegenüber von dem, dem Armenhaus ist ein Müllplatz, also dort, dort wurde das einfach..

93
00:09:42.467 --> 00:09:49.166
Aber damals gab es noch die Verdunkelung, also mussten wir das am zweiten Tag morgens machen. 

94
00:09:49.167 --> 00:09:57.299
Na, aber inzwischen waren sie schon auf diesen Strohsäcken in dem Armenhaus, sie waren umgezogen, sie bekamen etwas Neues zu essen. 

95
00:09:57.300 --> 00:10:06.566
Und es schien uns, dass sich ihre Situation wenigstens etwas dank unserer Bemühungen..

96
00:10:06.567 --> 00:10:13.099
Man kann nur Bemühungen sagen, wir konnten ihnen nicht mehr helfen, wir waren alle keine Ärzte, nicht wahr.

97
00:10:13.100 --> 00:10:25.366
Wir waren praktisch einfach nur normale Leute, die also in das Gesundheitswesen keinen Einblick hatten. 

98
00:10:25.367 --> 00:10:27.999
Und wir konnten das nicht, aber wir bemühten uns. 

99
00:10:28.000 --> 00:10:36.999
Was wir tun konnten, das haben wir also für all diese Menschen aus diesem Zug, aus diesem KZ, getan. 

100
00:10:37.000 --> 00:10:48.166
Und weil also auf diese Weise, dass wir uns ein wenig um sie gekümmert haben, also am nächsten Tag, als der Zug weiterfahren musste..

101
00:10:48.167 --> 00:10:55.632
Ich weiß nicht genau, wo er endete, er fuhr nach Prag, aber wo er in Prag endete, daran erinnere ich mich nicht. 

102
00:10:55.633 --> 00:11:01.266
Auf jeden Fall dort in Prag, da wurden sie schon, glaube ich, ins Krankenhaus gebracht. 

103
00:11:01.267 --> 00:11:09.366
Und die, die hier bei uns in Roztoky blieben, und die den Transport etwa mit so einem Leiterwagen schafften..

104
00:11:09.367 --> 00:11:12.066
Denn etwas anderes existierte damals nicht, nicht wahr..

105
00:11:12.067 --> 00:11:14.899
Autos gab es schrecklich wenige und so.

106
00:11:14.900 --> 00:11:22.999
Also die brachte man nach unten in die sogenannte Sakura, wo ursprünglich die, die Hitlerjugend war. 

107
00:11:23.000 --> 00:11:29.432
Aber weil das Kriegsende schon kurz bevor stand und die Hitlerjugend..

108
00:11:29.433 --> 00:11:36.799
Ich glaube auch ihre Leiter fürchteten sich, also die flohen verständlicherweise zu den Amerikanern. 

109
00:11:36.800 --> 00:11:39.232
Sobald das nur ein wenig möglich war. 

110
00:11:39.233 --> 00:11:42.199
Also das Sakura war ziemlich leer. 

111
00:11:42.200 --> 00:11:50.132
Und dann wurden die, die in dem Armenhaus untergekommen waren, ins Sakura überführt. 

112
00:11:50.133 --> 00:11:53.832
Und daraus wurde praktisch ein Krankenhaus. 

113
00:11:53.833 --> 00:12:04.166
Denn dann kamen schon Ärzte oder Ärztinnen oder so, die diesen Menschen fachmännisch helfen konnten. 

114
00:12:04.167 --> 00:12:11.499
Und die Menschen waren schon umgezogen und hatten richtiges Essen erhalten. 

115
00:12:11.500 --> 00:12:20.632
Und sie konnten also dort in dem Sakura, das war ein ehemaliges Hotel aus der 1. Republik..

116
00:12:20.633 --> 00:12:28.866
Und dort also blieben sie ziemlich lange, wahrscheinlich sogar drei oder vier Monate. 

117
00:12:28.867 --> 00:12:31.599
Und man half ihnen, wie das ging. 

118
00:12:31.600 --> 00:12:37.299
IV: Frau Jakubcová, ich komme noch darauf zurück als der Transport in Roztoky einfuhr.

119
00:12:37.300 --> 00:12:41.532
Erinnern Sie sich, wann Sie eigentlich den Zug gesehen haben und wie Sie zu ihm gelangt sind?

120
00:12:41.533 --> 00:12:42.866
Wer hat Ihnen davon erzählt?

121
00:12:42.867 --> 00:12:47.032
JJ: Davon haben mir mein Vater und meine Mutter erzählt. 

122
00:12:47.033 --> 00:12:57.532
Und ich habe mich ausgerüstet, ich habe mir von zuhause so einen kleinen Rucksack genommen, in den ich Verbandsmaterial getan habe. 

123
00:12:57.533 --> 00:13:01.232
Und ein bisschen Pulver gegen Kopfschmerzen, oder..

124
00:13:01.233 --> 00:13:03.099
Denn etwas anderes hatten wir zuhause nicht. 

125
00:13:03.100 --> 00:13:06.199
Wir, wir waren kleine Kinder, ich habe noch einen Bruder..

126
00:13:06.200 --> 00:13:08.932
Also ich hatte einen, jetzt nicht mehr, leider. 

127
00:13:08.933 --> 00:13:15.466
Und wir wollten den Leuten also mit dem helfen, was wir hatten. 

128
00:13:15.467 --> 00:13:20.566
Also wir konnten einfach nichts anderes bekommen. 

129
00:13:20.567 --> 00:13:30.932
Und ich habe das eben von meinem Vater und meiner Mutter erfahren, dass also dieser Zug hielt und dass eigentlich..

130
00:13:30.933 --> 00:13:38.232
Also es war erlaubt, nicht wahr, dass sich jemand diesen Leuten überhaupt nähern durfte. 

131
00:13:38.233 --> 00:13:42.799
Sonst war das, es liefen immer Wachen um diesen Zug. 

132
00:13:42.800 --> 00:13:49.399
Und sie wollten einen vielleicht nicht in diesen Waggon lassen, sie wollten einen nicht in jenen Waggon lassen. 

133
00:13:49.400 --> 00:13:57.899
Und.. ich glaube, dass das eben dank des Herrn Vorstehers durchging. 

134
00:13:57.900 --> 00:14:02.399
Ich weiß nicht, wie das war, weil ich eben wirklich sehr jung war. 

135
00:14:02.400 --> 00:14:10.132
Also weiß ich nicht, worüber der Bahnhofsvorsteher mit dem Zugführer sprach, 

136
00:14:10.133 --> 00:14:14.532
worauf sie sich einigten und dass sie überhaupt erlaubten, dort zu halten. 

137
00:14:14.533 --> 00:14:25.666
Am nächsten Tag also mussten sie abfahren, aber dort blieben schon nur noch Leute, die ein bisschen.. denen es gesundheitlich etwas besser ging. 

138
00:14:25.667 --> 00:14:34.966
Die Toten, die blieben also leider am Bahnhof in Roztoky und sie wurden gemeinsam auf dem Friedhof in Žalov/Schalow begraben. 

139
00:14:34.967 --> 00:14:42.099
IV: Und als Sie zum Bahnhof gekommen sind, erinnern SIe sich noch an den Moment, als Sie dorthin kamen und diesen Zug gesehen haben?

140
00:14:42.100 --> 00:14:43.932
Wie wirkte das auf Sie?

141
00:14:43.933 --> 00:14:45.666
JJ: Sehr schlecht. 

142
00:14:45.667 --> 00:14:58.566
Ich gebe zu, dass in dem Alter, wie alt ich damals war, da war das kein so fürchterliches Erlebnis, wie mir das heute erscheint, wenn ich mich daran erinnere. 

143
00:14:58.567 --> 00:15:09.399
Und wenn ich davon erzählen kann, dann war also der Eindruck nicht so furchtbar, wie er jetzt ist, wenn ich mich daran erinnere. 

144
00:15:09.400 --> 00:15:14.299
Ich glaube das lag am Alter. 

145
00:15:14.300 --> 00:15:19.199
Aber lange haben wir uns daran erinnert. 

146
00:15:19.200 --> 00:15:32.232
Aber uns munterte das fürchterlich auf, als wir danach die Menschen im Sakura auf den Strohmatten in normalen Betten gesehen haben, in normaler Wäsche. 

147
00:15:32.233 --> 00:15:39.366
Sie hatten nicht mehr diese eklig.. also ekligen Häftlingslumpen an sich, die man also verbrannte. 

148
00:15:39.367 --> 00:15:49.166
Aber ich sage, es war, es gab immer noch Verdunkelung, also konnten wir erst morgens bei Licht all das verbrennen, aber..

149
00:15:49.167 --> 00:15:52.132
IV: Sie, Sie waren damals fünfzehn Jahre alt. 

150
00:15:52.133 --> 00:15:52.766
JJ: Vierzehneinhalb. 

151
00:15:52.767 --> 00:15:55.066
IV: Oder vierzehneinhalb und.. {lacht}

152
00:15:55.067 --> 00:16:02.532
Sie haben dann eigentlich in dem Armenhaus geholfen, wo das provisorische Lazarett eingerichtet war.

153
00:16:02.533 --> 00:16:05.432
Wie kamen Sie dorthin? Wer sagte Ihnen, dass Sie dorthin gehen sollen?

154
00:16:05.433 --> 00:16:15.366
JJ: Na.. das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht, wer das ausmachte, dass wir einige Häftlinge in das Armenhaus bringen können. 

155
00:16:15.367 --> 00:16:25.699
Wir waren schrecklich froh, dass wir so wohin bringen können, denn für sie war das ungeheurlich, als sie sich auf einen Strohsack legen konnten. 

156
00:16:25.700 --> 00:16:28.066
Und sich dort zudecken können und so. 

157
00:16:28.067 --> 00:16:34.432
Sie merkten einfach, dass es wirklich jemand gut mit ihnen meint. 

158
00:16:34.433 --> 00:16:42.999
Dass, dass ihnen niemand, dass sie schon niemand mehr misshandeln will und sie nahmen das aber verschieden an. 

159
00:16:43.000 --> 00:16:50.499
Auch dort waren dann welche, die, ich weiß nicht, ich glaube man sagte Kapo zu ihnen. 

160
00:16:50.500 --> 00:16:53.666
Und die wirklich also..

161
00:16:53.667 --> 00:16:59.532
Denen ging es in dem KZ offensichtlich schon besser als den anderen. 

162
00:16:59.533 --> 00:17:06.866
Also diese wenigen, ich kann mich, ich kann mich nicht erinnern und also über Namen sprach man überhaupt nicht..

163
00:17:06.867 --> 00:17:15.999
Also einige verhielten sich den Häftlingen gegenüber nicht gut, die dort waren, die in den Waggons auf dem Boden lagen. 

164
00:17:16.000 --> 00:17:23.799
Aber für einige der Häftlinge ging es dadurch sehr gut aus, dass sie konnten also..

165
00:17:23.800 --> 00:17:28.432
Fliehen und in eine Familie kommen, die sie pflegte. 

166
00:17:28.433 --> 00:17:36.066
Und dann noch, dass sie untereinander kommunizieren konnten. 

167
00:17:36.067 --> 00:17:44.832
Nicht wahr, bald darauf schon endete der Krieg, also hatten sie darüber natürlich auch eine riesige Freude. 

168
00:17:44.833 --> 00:17:50.266
Denn das bedeutete für sie die Befreiung von allem, was sie durchgemacht hatten. 

169
00:17:50.267 --> 00:17:58.966
Und ich erinnere mich nicht, dass so ein Häftling gesagt hätte, ich war dort so lange, so lange, so lange. 

170
00:17:58.967 --> 00:17:59.632
Das weiß ich nicht. 

171
00:17:59.633 --> 00:18:09.866
Aber es stimmt, dass sie ungefähr nach einem oder zwei Jahren kamen, da kamen einige der Häftlinge konkret hier nach Roztoky. 

172
00:18:09.867 --> 00:18:12.566
Ich weiß, dass wir damals..

173
00:18:12.567 --> 00:18:20.332
Wir haben uns schrecklich darüber gefreut, dass wir das erlebt haben, also gut schon also als Genesene. 

174
00:18:20.333 --> 00:18:21.966
So kam es uns wenigstens vor. 

175
00:18:21.967 --> 00:18:35.666
Also Holländer, Polen, sogar Deutsche, Antifaschisten und so, trafen sich also bei uns in Roztoky unten im Schloss. 

176
00:18:35.667 --> 00:18:38.766
Ich habe sogar eine Fotografie. Irgendwo. 

177
00:18:38.767 --> 00:18:42.566
Und es war dort ein Holländer, daran erinnere ich mich. 

178
00:18:42.567 --> 00:18:48.999
Das war ein schrecklich junger Bub, der das KZ eigentlich überlebte, als er etwa 15 Jahre alt war. 

179
00:18:49.000 --> 00:18:52.332
Also die kamen aus verschiedenen Lebenslagen. 

180
00:18:52.333 --> 00:18:54.899
Dort waren alte, junge, alles zusammen. 

181
00:18:54.900 --> 00:18:57.432
IV: Wie haben Sie sich mit ihnen verständigt?

182
00:18:57.433 --> 00:18:59.966
JJ: Na schlecht. {Gelächter}

183
00:18:59.967 --> 00:19:10.899
Sehr schlecht, denn einerseits kamen die Häftlinge fast von überall her, die haben sie nicht zusammen gelegt.

184
00:19:10.900 --> 00:19:15.399
Also von der Sprache her oder was das Land angeht, nicht wahr. 

185
00:19:15.400 --> 00:19:26.999
Falls möglich versuchten die Deutschen jeden zu anderen zu geben.. ich weiß nicht, eine Reihe Leute. 

186
00:19:27.000 --> 00:19:33.899
Und sie konnten einfach die Sprache nicht, denn dafür war überhaupt keine Zeit. 

187
00:19:33.900 --> 00:19:44.099
Sie ver.. verständigten sich einfach, meine ich, das weiß ich nicht genau, aber ich persönlich glaube, nur über Zeichensprache. 

188
00:19:44.100 --> 00:19:46.966
IV: Eher als.. Ich habe gemeint, wie haben Sie mit ihnen gesprochen, eigentlich vor ihnen. 

189
00:19:46.967 --> 00:19:56.166
JJ: Und, wir haben mit ihnen kaum gesprochen, denn sie konnten nicht viel sprechen, sie verlangten nur: „Essen, Essen, Essen“.

190
00:19:56.167 --> 00:19:59.532
Sie waren ungeheuerlich ausgehungert. 

191
00:19:59.533 --> 00:20:05.399
Dass sie schmutzig sind, daran hatten sie sich wahrscheinlich schon gewöhnt, das, das störte sie überhaupt nicht. 

192
00:20:05.400 --> 00:20:07.032
Das störte sie überhaupt nicht. 

193
00:20:07.033 --> 00:20:11.566
Und dann waren sie natürlich furchtbar froh, dass sie sich umziehen konnten. 

194
00:20:11.567 --> 00:20:19.432
Und ich erinnere mich, noch in dem Armenhaus, als sie schon umgezogen waren und die.. hässlichen Sachen wegwarfen..

195
00:20:19.433 --> 00:20:22.966
Die, die Kleidung aus dem KZ, Häftlingskleidung.

196
00:20:22.967 --> 00:20:26.832
Also das einfach, wir sind dort zum Beispiel..

197
00:20:26.833 --> 00:20:40.166
Denn wir wussten nicht, ob für alle genug Kleidung aus den umliegenden Dörfern da ist, also haben wir sie..

198
00:20:40.167 --> 00:20:46.999
Natürlich, dass wir ihnen Kleidung zur Verfügung gestellt haben, dass sie sich was aussuchen, was die Größe betrifft, nicht wahr, es ist nicht möglich..

199
00:20:47.000 --> 00:20:56.232
Aber sie waren alle so dürr und dünn, dass sie einfach um jedes, jedes Hemd dankbar waren. 

200
00:20:56.233 --> 00:21:05.166
Jedes, jede Jacke, oder was auch immer, was es damals gab, ich weiß es schon nicht mehr genau, was sie für sich bekamen. 

201
00:21:05.167 --> 00:21:07.899
Aber da hatten sie eine riesige Freude daran. 

202
00:21:07.900 --> 00:21:16.032
Und wir sind am Anfang, als wir nicht wussten, dass wir genug Kleidung für alle haben werden, da sind wir..

203
00:21:16.033 --> 00:21:24.532
Dort in dem Armenhaus, da war nur eine Pumpe, nicht wahr, kaltes Wasser, eine Blechwanne.

204
00:21:24.533 --> 00:21:34.766
Und in die haben wir also einen Teil der Häftlingskleidung reingeworfen und sie dort auf primitive Weise gewaschen. 

205
00:21:34.767 --> 00:21:39.866
Das war auch furchtbar genug, denn das war nur in kaltem Wasser, nicht wahr, und es ging nicht..

206
00:21:39.867 --> 00:21:45.599
Nirgends konnten wir zu warmem Wasser gelangen. 

207
00:21:45.600 --> 00:21:47.032
IV: Wer.. JJ: Na aber.. bitte?

208
00:21:47.033 --> 00:21:51.432
IV: Wer hat dort eigentlich diese gesundheitliche Hilfe in dem Armenhaus geleitet? 

209
00:21:51.433 --> 00:21:59.332
JJ: Hm.. Na also da gebe ich zu, dass ich mich als, als so ein junges Mädchen nicht genau daran erinnere. 

210
00:21:59.333 --> 00:22:04.999
Also Sanitäter, Fachkräfte, Ärtze oder so waren damals noch nicht da. 

211
00:22:05.000 --> 00:22:07.199
In dem Armenhaus nicht. 

212
00:22:07.200 --> 00:22:16.432
Aber dann unten im Sakura, wohin schon ein Teil dieser Menschen, denen es im Vergleich zu den anderen gesundheitlich deutlich besser ging..

213
00:22:16.433 --> 00:22:19.166
Also dort gab es diese ärztliche Hilfe schon.

214
00:22:19.167 --> 00:22:22.132
Und ich erinnere mich, dass etwa..

215
00:22:22.133 --> 00:22:29.366
Ich weiß nicht, konkret weiß ich jetzt etwa, dass Herr Doktor Černý mit diesem Zug kam..

216
00:22:29.367 --> 00:22:34.366
Und als Arzt blieb er hier dann viele Jahre. 

217
00:22:34.367 --> 00:22:45.399
Und es ging ihm damals schon so gut, dass er wenigstens Anweisungen geben konnte: „Das ja, das nein.“

218
00:22:45.400 --> 00:22:51.499
Daran erinnere ich mich als einzigen Namen.. 

219
00:22:51.500 --> 00:22:53.799
Ich weiß, dass etwa..

220
00:22:53.800 --> 00:22:58.099
Das überspringe ich und ich keh.. kehre, kehre zum Anfang zurück..

221
00:22:58.100 --> 00:23:09.532
Dass etwa mein Vater Glück hatte, dass etwa zum Vorsteher des Sokol.. fuhren die Deutschen oft. 

222
00:23:09.533 --> 00:23:15.832
Und Vater war ein so einer wie.. Wie sagte man dazu? Gruppe?

223
00:23:15.833 --> 00:23:27.499
Und dort waren einige Leute, etwa der örtliche Arzt Doktor Poledník, dann denke ich auch aus der Familie Lorenc..

224
00:23:27.500 --> 00:23:34.832
Einer von ihnen war damals, damals vermutlich, ich weiß nicht..

225
00:23:34.833 --> 00:23:44.066
Vor dem Krieg oder also vor den Deutschen war er im Wehrdienst, also einfach als Offizier oder so.

226
00:23:44.067 --> 00:23:53.999
Und sie kontaktierten einander alle, aber es waren unter ihnen zum Beispiel auch, ich weiß nicht, Kommunisten, also, Herr Pálek. 

227
00:23:54.000 --> 00:23:58.632
Und der ging fort nach.. dann irgendwo ins Grenzgebiet. 

228
00:23:58.633 --> 00:24:09.399
Und der vielleicht, dass er diese Gruppe mit seiner Stellung, dass er also vielleicht, dass..

229
00:24:09.400 --> 00:24:17.199
Mein Vater zum Beispiel war etwa drei Tage im Petschek-Palast {Hauptquartier der Gestapo in Prag}, aber sie ließen ihn frei. 

230
00:24:17.200 --> 00:24:21.399
Vater sprach darüber nicht viel. 

231
00:24:21.400 --> 00:24:26.399
Aber ich habe das Gefühl, dass sich diese Gruppe nicht gegenseitig verriet. 

232
00:24:26.400 --> 00:24:28.199
IV: Aber das war noch während der Besatzung das war nicht..

233
00:24:28.200 --> 00:24:31.499
JJ: Das war alles während der Besatzung, ja.

234
00:24:31.500 --> 00:24:38.266
IV: Und mit dem Transport, eigentlich mit der Hilfe, eine Bedrohung haben Sie darin nicht gesehen?

235
00:24:38.267 --> 00:24:40.532
JJ: Nein, überhaupt nicht. Wir haben das nicht zugelassen. 

236
00:24:40.533 --> 00:24:47.999
Wir konnten uns nicht vorstellen, dass sich jemand unterstehen würde, irgendwie dagegen Stellung zu nehmen. 

237
00:24:48.000 --> 00:24:50.699
Nein, überhaupt nicht, das fiel uns nicht ein. 

238
00:24:50.700 --> 00:24:59.299
Uns ging es hauptsächlich darum, den Leuten ihr grausames Leben etwas zu erleichtern, das sie dort durchlebten. 

239
00:24:59.300 --> 00:25:10.599
Das war unser einziger Gedanke, ansonsten hatten wir wirklich keine Angst, uns über irgendetwas, irgendwem gegenüber auszudrücken, wir fürchteten uns nicht..

240
00:25:10.600 --> 00:25:14.966
Und hauptsächlich trat dann nach dem Krieg die ideale Situation ein. 

241
00:25:14.967 --> 00:25:23.299
Als die Gruppe der Häftlinge, die sich bewegen konnten, 

242
00:25:23.300 --> 00:25:32.266
die zum Beispiel durch das Sakura liefen, dort gingen und sich kennen lernten, denn bis dahin kannten sie sich überhaupt nicht..

243
00:25:32.267 --> 00:25:40.199
Also dort, dass dort schon eine vollkommen andere Stimmung herrschte und sie sich viel mehr entgegen kamen. 

244
00:25:40.200 --> 00:25:41.366
Sie waren einander gegenüber nicht mehr..

245
00:25:41.367 --> 00:25:49.499
Zu Beginn waren sie in den Waggons für, für das, für das Grauen, das dort herrschte, als sie sie brachten,

246
00:25:49.500 --> 00:25:53.699
also waren sie einander gegenüber nicht sehr entgegenkommend. 

247
00:25:53.700 --> 00:25:59.199
Aber dann im Sakura verbesserte sich das sehr. 

248
00:25:59.200 --> 00:26:07.066
Und viele Leute aus Roztoky kamen dann schon dazu, ja, aber so ist das. {lacht}

249
00:26:07.067 --> 00:26:11.566
IV: Nahmen Sie auch an diesem Begräbnis auf der Burg Levý Hradec teil, Sie selbst, persönlich? 

250
00:26:11.567 --> 00:26:12.366
JJ: Ich nahm nicht teil. 

251
00:26:12.367 --> 00:26:23.366
Ich nahm nicht teil, aber jedes Jahr gibt es dort eine Gedenkveranstaltung, also daran habe ich, nicht jedes Mal, teilgenommen. 

252
00:26:23.367 --> 00:26:27.332
IV: Und dann nach dem Krieg..

253
00:26:27.333 --> 00:26:34.232
Haben Sie selbst das Gefühl, dass, dass dieses Ereignis Sie auf irgendeine Weise vielleicht beeinflusst hat?

254
00:26:34.233 --> 00:26:36.232
Oder.. oder das..

255
00:26:36.233 --> 00:26:44.166
JJ: Es hat mich darin beeinflusst, dass ich einen wirklich großartigen Großvater hatte, das war der Vater meiner Mutter. 

256
00:26:44.167 --> 00:26:50.866
Und der lehrte mich, die Russen nicht zu mögen. 

257
00:26:50.867 --> 00:26:59.032
Denn Großvater verfolgte also sehr, ich weiß nicht, man kann sagen die Politik. 

258
00:26:59.033 --> 00:27:04.666
Und er wusste, was los ist, als die Sowjetunion gegründet wurde. 

259
00:27:04.667 --> 00:27:08.632
Also sagte Großvater zu mir:

260
00:27:08.633 --> 00:27:12.732
„Glaub ihnen niemals.“

261
00:27:12.733 --> 00:27:14.632
Also habe ich das in der Familie. 

262
00:27:14.633 --> 00:27:23.299
Und ich gebe zu, dass ich bis heute daran glaube und diese Gruppe Leute bis heute nicht gerne mag. 

263
00:27:23.300 --> 00:27:25.132
Überhaupt nicht. 

264
00:27:25.133 --> 00:27:26.999
Und jetzt habe ich schon genug erzählt. 

265
00:27:27.000 --> 00:27:31.132
IV: Das wird reichen. {lacht} Frau Jakubcová, ich danke Ihnen.

266
00:27:31.133 --> 00:27:39.332
CM: Führt noch ein bisschen weiter. {Husten} Sprecht noch ein bisschen. 

267
00:27:39.333 --> 00:27:43.699
IV: Eigentlich.. bleiben Sie bitte noch ein wenig sitzen. {lacht}

268
00:27:43.700 --> 00:27:47.299
Wir werden das dann noch.. fertig machen..

269
00:27:47.300 --> 00:27:53.332
JJ: Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, Frau Doktor, dass zum Beispiel die Leute waren..

270
00:27:53.333 --> 00:28:00.766
Denn sie, sie waren also sehr wie.. es ging ihnen physisch schlecht. 

271
00:28:00.767 --> 00:28:07.432
Einige konnten überhaupt nicht gehen, die Hände konnten sie nicht nutzen, nicht wahr, sie waren misshandelt worden. 

272
00:28:07.433 --> 00:28:16.532
Und sie hatten einfach nicht mal eine Möglichkeit einen Stock oder so zu nehmen, dass sie sich zum Beispiel anlehnen konnten. 

273
00:28:16.533 --> 00:28:22.899
Dass sie sich vielleicht bewegen konnten, das, das war damals einfach überhaupt nicht möglich. 

274
00:28:22.900 --> 00:28:27.899
Also taten uns diese Leute hauptsächlich leid. 

275
00:28:27.900 --> 00:28:30.599
Ich habe den Eindruck, dass..

276
00:28:30.600 --> 00:28:41.199
Ich kann nicht sagen, dass ich zu der Zeit schon so ein Bewusstsein hatte, dass ich mich also.. darüber gefreut hätte. 

277
00:28:41.200 --> 00:28:44.699
Aber ich habe mir gesagt, das muss ich alles aushalten. 

278
00:28:44.700 --> 00:28:50.966
Das wird nicht mehr lange dauern und alle diese Leute, die wenigstens ein bisschen dürfen, 

279
00:28:50.967 --> 00:28:57.366
oder wenigstens schon aus dem Schlimmsten heraus sind, die werden das also überleben. 

280
00:28:57.367 --> 00:29:07.866
Und es war also sehr schön und sehr nett, als es uns passierte, dass nach, nach einem Jahr, nach zwei, das weiß ich nicht genau, 

281
00:29:07.867 --> 00:29:15.732
eben diese Holländer kamen, nicht wahr, Polen und so und sich also an diese Zeit erinnerten. 

282
00:29:15.733 --> 00:29:18.866
Und sie hatten darüber große Freude, dass sie das überlebt hatten. 

283
00:29:18.867 --> 00:29:29.899
Einige waren sogar schon verheiratet und hatten Familien, oder, oder, oder lebten dann schon wie Menschen. 

284
00:29:29.900 --> 00:29:32.566
Das war daran das Schöne, das hat uns gesegnet. 

285
00:29:32.567 --> 00:29:39.799
Und da trafen sich dann viel mehr, viel mehr Leute, als uns geholfen hatten. 

286
00:29:39.800 --> 00:29:43.399
Aber so ist das immer. 

287
00:29:43.400 --> 00:29:49.932
Das denke ich, dass daran überhaupt nichts komisch ist, dass dann viele Leute dazu kommen. 

288
00:29:49.933 --> 00:29:52.699
IV: Ihre Familie hatte keine Angst um Sie, als Sie eigentlich das..

289
00:29:52.700 --> 00:30:03.032
JJ: Das weiß ich nicht, darüber sprachen wir nicht, aber es ist richtig, dass Vater diese Tage überhaupt nicht zuhause war und Mutter..

290
00:30:03.033 --> 00:30:07.999
Weil ich noch einen kleinen Bruder hatte, drei Jahre jünger, also bin ich..

291
00:30:08.000 --> 00:30:13.566
Also der war überhaupt, der war vollkommen unmöglich, denn mein Bruder..

292
00:30:13.567 --> 00:30:17.899
Wir sind natürlich.. Vater hörte das ausländische Radio. 

293
00:30:17.900 --> 00:30:25.399
Also machte mein Bruder sowas, dass er die Vorhänge ein wenig beiseite schob, wie es damals abends immer dunkel sein musste, nicht wahr,

294
00:30:25.400 --> 00:30:29.999
und er lugte durch das Fenster und dann verkündete er, das habe ich gemacht. 

295
00:30:30.000 --> 00:30:31.699
Na, aber er war zehn Jahre alt. 

296
00:30:31.700 --> 00:30:46.499
Also ich habe den Eindruck, dass das auch meinem Bruder, der für mich, für eine drei Jahre ältere Schwester, überhaupt keinen Sinn hatte. 

297
00:30:46.500 --> 00:30:50.666
Aber so läuft das eben auf der Welt. 

298
00:30:50.667 --> 00:30:56.332
IV: Hm.. Sie waren fünfzehn und mussten dort.. vierzehneinhalb..

299
00:30:56.333 --> 00:30:56.766
JJ: Ja.

300
00:30:56.767 --> 00:31:01.166
IV: Und Sie mussten dort die Häftlinge in dem Armenhaus pflegen. 

301
00:31:01.167 --> 00:31:04.599
Welche Tätgikeit.. Wie haben Sie sie gepflegt? Was haben Sie überhaupt getan?

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00:31:04.600 --> 00:31:08.932
JJ: Na, wir hatten nicht viel Material zur Verfügung. 

303
00:31:08.933 --> 00:31:14.299
Wir hatten nur Verbände und einfach Pulver gegen Schmerzen. 

304
00:31:14.300 --> 00:31:24.566
Also haben wir diesen Leuten, wenn sie bluteten oder irgendwelche solche ernsten Probleme hatten, 

305
00:31:24.567 --> 00:31:31.266
also wenn uns dieser Verband reichte, dann haben wir den Leuten also zum Beispiel die Wunde verbunden oder so.

306
00:31:31.267 --> 00:31:36.799
Oder ihnen ein Pulver gegeben gegen die Schmerzen, aber das erst nach dem Essen. 

307
00:31:36.800 --> 00:31:37.866
Das erst nach dem Essen. 

308
00:31:37.867 --> 00:31:40.166
Das haben wir uns niemals getraut..

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00:31:40.167 --> 00:31:49.766
Da haben wir wiederum schon so viel gewusst, dass man solchen Leuten nicht nur, nur.. mit Pulver oder so helfen kann. 

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00:31:49.767 --> 00:31:52.866
Und ich weiß gar nicht, wie damals diese Pulver hießen. 

311
00:31:52.867 --> 00:31:55.332
Das weiß ich nicht. 

312
00:31:55.333 --> 00:31:58.066
IV: Was hatten diese Häftlinge? Wie sahen sie überhaupt aus? Wie haben Sie sie gepflegt?

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00:31:58.067 --> 00:32:05.766
JJ: Na sie waren vollkommen ausgemergelt, das waren nur noch mit Haut überzogene Knochen. 

314
00:32:05.767 --> 00:32:13.766
Und erst danach, als sie langsam Verpflegung erhielten, da hat sich das ein bisschen verbessert. 

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00:32:13.767 --> 00:32:21.466
Das stimmt und einige fuhren schon wieder fort, einige hatten die Tendenz, dass sie einfach runder wurden. 

316
00:32:21.467 --> 00:32:24.166
Aber einigen blieben immer dünn. 

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00:32:24.167 --> 00:32:27.666
Nach den zwei Jahren, als wir sie dann wiedersahen, da waren sie..

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00:32:27.667 --> 00:32:34.032
Nur dass sie schon fröhlich waren, die Gesichter rot und so.

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00:32:34.033 --> 00:32:36.399
IV: Wie viele waren ungefähr in dem Armenhaus?

320
00:32:36.400 --> 00:32:41.499
JJ: Ich habe den Eindruck, ich sage es Ihnen nicht genau, das weiß ich nicht. 

321
00:32:41.500 --> 00:32:50.466
Aber ich glaube, dass aus dem ganzen Zug, wenn wir in das Armenhaus 35 Leute gebracht haben, dann war das viel. 

322
00:32:50.467 --> 00:32:54.999
Aber dann ins Sakura kamen schon deutlich mehr. 

323
00:32:55.000 --> 00:33:02.966
Und weil das ursprünglich ein Hotel war, so waren dort also geteilte Zimmer, also dort waren schon mehr Häftlinge. 

324
00:33:02.967 --> 00:33:10.232
Sie kehrten da von den Familien zurück, die sich nicht gut um sie kümmern konnten. 

325
00:33:10.233 --> 00:33:16.666
Das war schon nach dem Krieg, also das war kein so großes Problem mehr wie ins Sakura zu gelangen, nicht wahr. 

326
00:33:16.667 --> 00:33:21.666
IV: Das heißt, dass das Häftlinge waren, die eigentlich aus dem Zug geflohen waren..

327
00:33:21.667 --> 00:33:22.332
JJ: Ja..

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00:33:22.333 --> 00:33:26.199
IV:.. und sie kamen hier irgendwo in der Umgebung in Familien.

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00:33:26.200 --> 00:33:33.466
JJ: In Familien.. Ja und danach kehrten sie zum Beispiel ins Krankenhaus zurück, als sie erfuhren, dass es dort Hilfe von Ärzten gibt. Zum Beispiel. 

330
00:33:33.467 --> 00:33:34.932
Oder von Ärztinnen. 

331
00:33:34.933 --> 00:33:36.899
Das weiß ich nicht mehr genau. 

332
00:33:36.900 --> 00:33:40.999
IV: Können Sie vielleicht nur kurz sagen, was Sie nach dem Krieg gemacht haben?

333
00:33:41.000 --> 00:33:51.766
JJ: Nach dem Krieg waren das drei glückliche Jahre, da ging ich ins Gymnasium Eliška Krásnohorská, nach Prag. 

334
00:33:51.767 --> 00:33:54.766
Auch wenn die Züge mit schrecklicher Verspätung fuhren. 

335
00:33:54.767 --> 00:34:00.866
Also wenn wir ab halb ein Uhr Schule hatten, dann bin ich zum Beispiel schon um neun Uhr aus Roztoky abgefahren. 

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00:34:00.867 --> 00:34:07.866
Und dann erinnere ich mich, das ist eine lebhafte Erinnerung, dass im Schulradio..

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00:34:07.867 --> 00:34:11.466
Wir hatten fantastische Kantoren und Kantorinnen. 

338
00:34:11.467 --> 00:34:24.832
Und ich erinnere mich, dass sie uns über das Schulrad.. radio eine Rede des Herrn Ministers Nejedlý {Zdeněk Nejedlý, damaliger Schulminister} sendeten. 

339
00:34:24.833 --> 00:34:29.566
Also das gebe ich zu, dass die ganze Klasse sich darüber lustig gemacht hat.

340
00:34:29.567 --> 00:34:36.866
Aber es stimmt auch, dass zum Beispiel bei uns in der Klasse die Schwester von Herrn Fojtík {Jan Fojtík, kommunistischer Politiker} war. 

341
00:34:36.867 --> 00:34:40.699
Die also mit uns mitgemacht hat.

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00:34:40.700 --> 00:34:44.999
IV: Und Sie sind dann schon den Rest.. eigentlich leben Sie bis heute immer in Roztoky, das ganze Leben?

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00:34:45.000 --> 00:34:52.099
JJ: Bis heute lebe ich in Roztoky, Vater starb leider auf tragische Weise, er wurde von einer Trambahn überfahren und überlebte es nicht. 

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00:34:52.100 --> 00:34:54.099
Na, Mutter ging es damit schrecklich. 

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00:34:54.100 --> 00:35:01.732
Aber Mutter ist dann gestürzt und hatte große Wunden vom vielen Liegen und starb auch. 

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00:35:01.733 --> 00:35:05.899
Aber erst nach Vater, erst nach langer Zeit. 

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00:35:05.900 --> 00:35:08.232
Aber sonst waren wir so eine..

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00:35:08.233 --> 00:35:15.066
Und Vater fing natürlich wieder von neuem mit dem Sokol an, nur dass ihn dann wieder, wieder die Bolschewiken einsperrten. 

349
00:35:15.067 --> 00:35:18.899
Also das war.. 

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00:35:18.900 --> 00:35:26.266
Na, auf jeden Fall hatte Vater dann ein ziemlich schlechtes Leben, weil sie ihn von Ort zu Ort schickten. 

351
00:35:26.267 --> 00:35:36.766
Nirgendwo wenn sie erfuhren, dass das eigentlich ein.. so ein Antikommunist ist, dann hatte er nirgendwo einen guten Stand. {lacht}

352
00:35:36.767 --> 00:35:40.245
Auch wenn er vielleicht das Zeug dazu hatte. 

